Eine Kurzgeschichte von Ursula K. Le Guin inspirierte die belgische Choreographin Stina Quagebeur zu ihrem Werk "Omelas", das in Düsseldorf uraufgeführt wurde. Verhandelt wird hier ein moralisches Dilemma: ist es rechtens eine einzelne Person zu opfern, um andere zu retten, einen leiden zu lassen, um anderen ein schönes Leben zu ermöglichen?
Der Ort Omelas besteht aus weißen, eckigen Häusern, deren Fronten expressionistisch anmutend auf einen Fluchtpunkt zulaufen. Es herrscht ein buntes, munteres Dorfleben. Die Bewohner kleiden sich in kräftigen monochromen Farben. Nur eine Person fällt mit ihren grauen Kleidern aus dem Rahmen. Das ist Figur A, ein Ausgeschlossener, der nicht beachtet wird, seit jeher nicht berührt werden darf, wenn das Glück der Bewohner nicht gefährdet werden soll. João Miranda tanzt und spielt diesen traurigen Außenseiter famos. Sehnsüchtig blickt er in die beleuchteten Häuser, schaut traurig dem Tanz der Bewohner auf dem Dorfplatz zu. Nur ein Mädchen nimmt ihn wahr. Sie ist mitleidig und neugierig, nähert sich ihm an, wird aber immer wieder von anderen Bewohnern zurückgehalten. Ako Sago tanzt die widersprüchlichen Gefühle ganz ausdrucksstark. Die Orgel setzt einen dramatischen Höhepunkt, als sich die Hände des Ausgeschlossenen und des Mädchens berühren. Die Häuser schweben für kurze Zeit vom Boden in die Luft, die Bewohner Omelas sind überrascht, gehen aber bald ihrem normalen Leben wieder nach, zumal sich für sie nichts geändert hat: Die Häuser stehen wieder exakt dort, wo sie vorher standen, der Außenseiter bleibt weiterhin ausgeschlossen, das fröhliche Leben geht weiter wie zuvor. Nur das Mädchen kann sich mit der Situation nicht abfinden und verlässt das Dorf, alle hinter ich lassend.
Stina Quagebeur hat ein beeindruckendes Stück geschaffen, das noch lange nachklingt, nicht nur weil das Thema das eigene Handeln und in der Weltsein immer wieder jeden betrifft, sondern auch durch ihre anrührende tänzerische Ausdrucksweise.
"Voluntaries", die Choreographie von Glen Tetley, wurde 1973 für das Stuttgarter Staatsballett kreiert. Es ist nicht nur dem kurz davor plötzlich verstorbenen Direktor der Stuttgarter Compagnie John Cranko gewidmet, sondern auch zu seinem Gedenken. Dabei handelt es sich um kein Handlungsballett, sondern um die atmosphärische Darstellung von Emotionen. Francis Poulencs Konzert "Voluntary" für Orgel, Streicher und Pauke aus dem Jahr 1938 bot dafür die ideale Musikbegleitung, denn mit "voluntary" wird die musikalische Improvisationsform eines Orgelstückes für den Gottesdienst bezeichnet.
Als Bühnenhintergrund ist eine große Kugel auf einen Prospekt gemalt, die mit wechselnden Tönen die Lichtqualität des in die Sonne-Schauens widergeben soll und als Fixpunkt für die davor wirbelnden Tänzer und Tänzerinnen dient.
Glen Tetleys Tanzstil zeichnet sich durch die Kombination von klassischem Tanz mit Modern Dance aus. Es geht ihm nicht nur um Virtuosität, die für dieses Stück aber auch in hohem Maße benötigt wird, sondern um Ausdruck mit einer besonderen Eindringlichkeit. Nach Verlustgefühlen, Trauer und Verzweiflung kehrt allmählich etwas Freude ein. Neuer Mut und die Hoffnung auf einen Neubeginn scheint die Tänzer und Tänzerinnen fliegen zu lassen.
Dem uraufgeführten Stück "Aurea" liegt sowohl in der Musik als auch in der Choreographie von Goyo Montero das Proportionsprinzip des Goldenen Schnittes zugrunde, dessen Anwendung für eine harmonische und ausgewogene Wirkung sorgt. Dafür steht auch Johann Sebastian Bachs "Passacaglia in C-Moll", die hier in der Version für Orchester erklingt, und mit dem Prolog "Aurea" von Owen Belton versehen wurde. Im Wort "Aurea" klingen sowohl das lateinische Wort für aurum (Gold) wie auch für Aura (Energiekörper) an. Beides findet sich dann auch im Tanzgeschehen wieder. Große Goldflecken sind auf die hautengen, mit bunten Farbspritzern versehenen Kostümen gesetzt. Goldene Lichtblitze werden von den angestrahlten, rechteckigen Folien ausgesendet. Diese Folien werden von den Tänzern und Tänzerinnen über die Bühne geschoben, oder in Rastergestelle eingeklemmt, in ihnen spiegeln sie sich auch wieder. Alle sind ständig in Bewegung auf der Suche nach Perfektion und Harmonie, nur kurz halten sie inne. Goyo Montero versucht zu zeigen, wie Ideen Gestalt annehmen und wirklich werden. Dem Zuschauenden dürfte dieses Anliegen nicht unmittelbar bemerkbar sein, ebenso wie die Anwendung des Goldenen Schnittes in der Choreographie selbst. Das temporeiche und dynamische Werk mit seiner abstrakten Form weis aber auch ohne das Wissen dieser Intention ästhetisch zu überzeugen.
Alle drei Stücke mit ihrer sehr unterschiedlichen Formensprache bereichern das Ballettrepertoire. Absolut sehenswert und exzellent getanzt, riefen sie beim Publikum große Begeisterung hervor.
Musikalische Leitung: Valtteri Rauhalammi
Dramaturgie: Juliane Schunke
Organist: Markus Hinz
Düsseldorfer Symphoniker
Omelas
Uraufführung am 14. März 2026, Deutsche Oper am Rhein Opernhaus Düsseldorf, Ballett am Rhein
Choreographie: Stina Quagebeur
Musik: Jeremy Birchall
Bühne: Alex Gahr
Kostüm: Louise Flanagan
Licht: Volker Weinhart
Tänzer*innen:
Figur A: João Miranda
Junges Mädchen: Ako Sago
Bewohner*innen von Omelas: Edvin Somai, Nami Ito, Paula Alves, Norma Magalhães, Lucas Erni, Olgert Collaku, Damián Torío
Voluntaries
Uraufführung am 22. Dezember 1973, Staatstheater Stuttgart, Stuttgarter Ballett
Alle Choreografien © Glen Tetley Legacy
Choreographie: Glen Tetley
Musik: Francis Poulenc
Bühne & Kostüme: Rouben Ter-Arutunian
Licht: John B. Read
Choreographische Einstudierung: Bronwen Curry, Alexander Zaytsev
Tänzer*innen:
Pas de deux: Emilia Peredo Aguirre, Gustavo Carvalho
Pas de trois: Clara Nougué-Cazenave, Damián Torío, Niklas Jendrics
6 Paare: Ako Sago, Lucas Erni, Elisabeth Vincenti, Nelson López Garlo, Nami Ito, Eric White, Neshama Nashman, Kauan Soares, Francesca Berruto, Joan Ivars Ribes, Rose Nougué-Cazenave, Milivoje Andrejević
Aurea
Uraufführung am 14. März 2026, Deutsche Oper am Rhein Opernhaus Düsseldorf, Ballett am Rhein
Choreographie: Goyo Montero
Musik: Owen Belton, Johann Sebastian Bach
Arrangement: Dirk Schneiderheinze
Bühne mit EstudiodeDos: Curt Allen Wilmer, Leticia Gañán
Kostüm: Salvador Mateu Andujar
Licht: Nicolás Fischtel
Musikalische Leitung: Valtteri Rauhalammi
Dramaturgie: Juliane Schunke
Tänzer*innen: Sophie Martin; Dukin Seo; Clara Nougué-Cazenave; Sara Giovanelli, Doris Becker, Camilla Agraso, Lauren Alving, Maria Luisa Castillo Yoshida, Niklas Jendrics, João Miranda, Joan Ivars Ribes, Lara Delfino, Márcio Mota, Long Zou
Musik
Die Kompositionen „Omelas“ (Jeremy Birchall) und „Aurea“ (Owen Belton) sind Auftragswerke der Deutschen Oper am Rhein – Theatergemeinschaft Düsseldorf Duisburg
OMELAS (Uraufführung:) Jeremy Birchall
„Omelas“ © Manners McDade Music Publishing, London
VOLUNTARIES: Francis Poulenc, Konzert für Orgel, Streicher und Pauke (1938)
AUREA: Johann Sebastian Bach "Passacaglia in c-Moll"
mit dem Prolog „Aurea“ von Owen Belton (Uraufführung)


