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Festival Internationale Neue Dramatik 2025 - Schaubühne am Lehniner Platz Berlin

4. bis 13. April 2025

Bei der diesjährigen Ausgabe des Festivals Internationale Neue Dramatik sind zehn Produktionen aus den unterschiedlichsten Regionen der Welt zum ersten Mal in Deutschland zu sehen, darunter Stücke aus Frankreich, Belgien, Kirgisistan und den USA. Artist in Focus ist die französisch-vietnamesische Autorin und Regisseurin Caroline Guiela Nguyen, die mit »SAIGON« international bekannt wurde und mit dieser Erfolgsproduktion bereits beim FIND 2018 zu Gast war. Mit dem Ensemble der Schaubühne entwickelte sie 2022 das Stück »Kindheitsarchive«. Neben »SAIGON« wird sie im April außerdem mit zwei neuen Arbeiten, darunter auch eine exklusive Preview, vertreten sein.

Copyright: Schaubühne am Lehniner Platz Berlin

Beim einzigen großen Festival für zeitgenössisches, internationales Autor_innentheater der Stadt zeigt die Schaubühne auch in diesem Jahr wieder außergewöhnliche Produktionen aus aller Welt. Viele Arbeiten verbindet dieses Jahr die Erkundung des Politischen im Privaten. Sie werfen Fragen nach den Spuren gesellschaftlicher Umbrüche und politischer Konflikte in unseren intimsten Beziehungen auf. Neben dem internationalen Panorama sind auch eine Inszenierung neuer Dramatik aus dem Repertoire der Schaubühne und eine szenische Lesung zu sehen. Dazu wird es ein Begleitprogramm mit Publikumsgesprächen und einer Ausgabe des Streitraums zum internationalen Kulturaustausch geben.

Artist in Focus: Caroline Guiela Nguyen

Das FIND stellt erneut das Werk einer herausragenden Theaterkünstlerin als Artist in Focus in den Mittelpunkt. Diese Ausgabe ist der französisch-vietnamesischen Regisseurin und Autorin Caroline Guiela Nguyen gewidmet. In kontinuierlicher Zusammenarbeit mit den Künstler_innen ihrer Kompanie »Les Hommes Approximatifs« (»Ungefähre Menschen«) erzählt sie mit jedem ihrer Stücke gleichzeitig persönliche und globale Geschichten. Der internationale Durchbruch gelang Guiela Nguyen mit ihrer Inszenierung »SAIGON« (Valence / Ho-Chi-Minh-Stadt), die auf dem FIND 2018 gezeigt wurde und sie auch in Deutschland bekannt machte. Das Melodram rückt die französische Kolonialgeschichte in Vietnam und deren Auswirkung auf zwischenmenschliche Beziehungen in den Mittelpunkt und tourt seit seiner Premiere weltweit. Im Rahmen der Werkschau kehrt die Inszenierung nun an die Schaubühne zurück.

Darüber hinaus gibt es Guiela Nguyens Stück »LACRIMA« (Strasbourg) von 2024, in dem die Angestellten eines Haute Couture-Ateliers in Paris, Spitzenklöpplerinnen in der Normandie und ein Perlensticker in Mumbai an einem Hochzeitskleid für das britische Königshaus arbeiten. Die Geschichten verbinden sich zu einem Stück über die Herstellung von Luxus und die damit verbundenen Produktionsbedingungen in einer globalisierten Welt. Eine fiktive Geschichte über strukturelle und private Gewalt, die sich hinter der überwältigenden Schönheit von Luxus verbirgt.

In einer exklusiven Preview präsentiert sich Guiela Nguyens aktuellste Arbeit, die erst Ende April am Théâtre national de Strasbourg zur Uraufführung kommt: »Valentina«. Das Stück nimmt Kinder, die für ihre Eltern übersetzen müssen und deren Perspektiven auf Wahrheit in den Blick. Erzählt wird die Geschichte von Valentina, die ihrer Mutter folgenreiche Diagnosen ihres Arztes weitergeben muss. Das Mädchen steht vor dem Dilemma, die schmerzhafte Wahrheit zu übermitteln oder die Mutter zu schonen. In einem anschließenden Werkstattgespräch gibt Guilea Nguyen Einblicke in ihre Theaterarbeit.

Internationales Panorama

Milo Rau kehrt mit seiner Inszenierung »Medea's Kinderen« vom NTGent zurück an die Schaubühne. Seine Produktion verbindet den erschütternden Kriminalfall einer fünffachen Kindsmörderin in Belgien und die antike Medea-Tragödie, in der eine Mutter aus Rache an ihrem Mann die eigenen Kinder tötet. In einem Reenactment lässt Rau Kinder im Alter von acht bis dreizehn Jahren das Wort ergreifen und über die blutigen Tragödien der Erwachsenen und ihre eigene Welt reflektieren. Das Stück, das die zunehmende Einsamkeit innerhalb unserer Gesellschaft thematisiert, feierte 2024 bei den Wiener Festwochen Weltpremiere und ist nun erstmals in Deutschland zu sehen.

Vergangenes Jahr wurde der 100. Geburtstag des großen US-amerikanischen Schriftstellers James Baldwin gefeiert. Im Jahr 1965 debattierte er mit dem konservativen Denker William F. Buckley Junior. Im Zentrum stand die Frage, ob der »American Dream« auf Kosten der amerikanischen Schwarzen Bevölkerung ging – die Baldwin klar bejahte. Die New Yorker Theaterkompanie »Elevator Repair Service« gibt in »Baldwin and Buckley at Cambridge« (New York) den Schlagabtausch dieser beiden Intellektuellen über Rassismus und Gesellschaft wortgetreu wieder – eine Debatte, die immer noch erschütternd aktuell ist.

Der Liederzyklus »SAFE HOUSE« (Irland) ist die erste Zusammenarbeit des irischen Dramatikers und Regisseurs Enda Walsh und der Komponistin Anna Mullarkey. Ein Soloabend, der uns in die 90er Jahre nach Galway, Irland, bringt. Hier lebt die junge Frau Grace in einer verlassenen Handballhalle und konfrontiert sich mit ihrer Vergangenheit. Eine Kindheit, geprägt von Alkohol, Gewalt und Einsamkeit, deren traumatische Erinnerungen sie entweder akzeptieren kann oder verdrängen muss.

Der flämische Dramatiker und Regisseur Jan Lauwers, Gründungsmitglied der berühmten »Needcompany«, hat mit »Un sublime Error« (Brüssel / Madrid) ein Stück über eine Dreier-Freundschaft geschrieben. In einem Monolog spricht der argentinisch-spanische Schauspieler Gonzalo Cunill, umgeben von einer Installation aus Glas, von seiner Beziehung zu Alex und Christine und darüber, wie alles zerbrach. Dabei verkörpert er alle drei Personen und ihre Passionen, die ungewollt in Brutalität, Trennung und Entfremdung übergehen.

Mit »Уя« (»Nest«) (Bischkek) ist zum ersten Mal eine Inszenierung aus Kirgisistan zu Gast beim FIND. Wir beobachten den Flur einer kleinen Wohnung in Bischkek, der Hauptstadt Kirgisistans, durch den verschiedene Personen kommen: jede Stimme erkundet, was der Begriff Zuhause bedeutet. Oder was er bedeuten könnte. Postsowjetische, nationalistische und emanzipatorische Erzählungen existieren hier gleichzeitig und müssen einander aushalten. Basierend auf Interviews haben Regisseur Chagaldak Zamirbekov und sein Ensemble mit ihrem Stück ein intimes und komplexes Porträt einer Gesellschaft im Umbruch gezeichnet. Das Stück wird in einer eigenen Einrichtung in unserer temporären Spielstätte Ku'damm 156 zu sehen sein.

In der Inszenierung »Héritage« (Liège) bringt der wallonische Schauspieler Cédric Eeckhout seine eigene Mutter auf die Bühne: Jo Libertiaux ist 79 Jahre alt, arbeitet seit über 50 Jahren als Friseurin und hat ein klassisches Familienleben geführt, das auf den ersten Blick nicht für die Geschichte einer emanzipatorischen Heldin steht. Und doch entdeckt Eeckhout in Jos Biografie den Willen zur Unabhängigkeit. In den 80er Jahren lässt sie sich scheiden und nimmt damit eine gesellschaftliche Stigmatisierung in Kauf, um für ihre Söhne ein neues Leben zu erkämpfen. Mit seiner Inszenierung macht er ihr eine sehr berührende Liebeserklärung.

»ICIRORI« (Brüssel) heißt das Stück der belgisch-burundischen Schauspielerin CONSOLATE, was auf Kirundi bedeutet »in den eigenen inneren Spiegel schauen, seiner Geschichte ins Gesicht sehen, um voranzukommen«. In ihrer Inszenierung befragt sie die eigene Adoptionsgeschichte, indem sie dreißig Jahre später nach Burundi reist und dort auf einige Mitglieder ihrer noch dort lebenden Herkunftsfamilie trifft. Eine schmerzhafte und zugleich befreiende Auseinandersetzung mit Identitätszerstörung und Menschenhandel.

Neue Dramatik an der Schaubühne

Neben den internationalen Gastspielen sind beim FIND auch wieder aktuelle Produktionen neuer Dramatik an der Schaubühne zu erleben: Maja Zades Inszenierung ihres eigenen Stückes »spinne« mit Caroline Peters ist ebenso vertreten wie eine Szenische Lesung der Bühnenadaption des Romans »Paradiesische Zustände« von Henri Maximilian Jakobs, eingerichtet von Thomas Ostermeier und Elisa Leroy.

Rahmenprogramm

Das künstlerische Programm wird diskursiv begleitet von Publikumsgesprächen sowie einer Ausgabe von Carolin Emckes »Streitraum«. Darin spricht sie mit Gesche Joost, Präsidentin des Goethe Instituts, und mit dem Autor und Regisseur Milo Rau über internationalen Kulturaustausch in Zeiten von Spardruck und politischen Anfechtungen. Am Eröffnungs- und am Abschlusswochenende finden jeweils Festivalpartys bei freiem Eintritt statt.

Alle Infos www.schaubuehne.de/de/seiten/festival-internationale-neue-dramatik-20254-bis-13-april.html

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