Theaterkompass.de Logo

EIN MAGISCHES RITUAL - Premiere "Tribute to Tetley" des Stuttgarter Balletts im Opernhaus STUTTGART

am 25.4.2026

Geschrieben von ALEXANDER WATHER

Die Tänzerinnen und Tänzer trotzten an diesem Abend in faszinierender Weise der Schwerkraft. Es war eine eindrucksvolle Hommage an den Choreografen Glen Tetley, der in den 70er Jahren nach John Crankos tragischem Tod das Stuttgarter Ballett übernahm und dann nach zwei Jahren an Marcia Haydee übergab.

© Stuttgarter Ballett

In der ersten Choreografie tanzte das Stuttgarter Ballett zur Musik von Francis Poulencs Konzert für Orgel, Streicher und Pauke in g-Moll mit dem einfühlsamen Solisten Christian Schmitt (Orgel) und dem Staatsorchesterr Stuttgart unter der glutvollen Leitung von Ermanno Florio. Das Frische und Natürliche paarte sich hier in reizvoller Weise mit dem Filigranen und Spirituellen, was die Tänzer in fabelhafter Weise zum Ausdruck brachten. Tetley bemerkte in diesem Zusammenhang: "Die Orgel erschien mir immer wie eine Stimme Gottes". Das Weiträumige und Sphärenhafte zeigte sich auch in Bühnenbild und Kostümen von Rouben Ter-Arutunian. Kluge Sensibilität und intensive Melancholie begleiteten dabei die Bewegungen der Compagnie. Einflüsse der Musik Mozarts und Scarlattis setzten sich immer wieder durch. Bitonalität und Motorik blieben dennoch spürbar und wurden von den Tänzern präzis umgesetzt. 

In "Ricercare" verschmolzen die ausdrucksstarken Tänzer Elisa Badenes und Marti Paixa beim Pas de deux sowie Diana Ionescu, Satchel Tanner und Gabriel Figueredo beim Pas de trois zur Einheit. Die Muschel war hier laut Tetley ein suggestives Symbol für das Liebesbett. Sexuelle Komponenten spielten mit. Mann und Frau schliefen miteinander, dann wollte die Frau gehen. Die Muschel ermöglichte jedoch ein deutliches Gleichgewicht zwischen oben und unten, innen und außen. Mordecai Seters Musik zu "Ricercare" passte sich den Tänzern völlig an, alles verschmolz zur Einheit. Bühne und Kostüme von Rouben Ter-Arutunian begleiteten die Suchschritte der Paare. Der Mann brachte die Frau zurück zur Muschel - und in ihrem ersten Solo zeigte sie den Wunsch, allein zu sein. Sie bewegte sich fast so, als würde sie mit sich selbst sprechen. Im Solo des Mannes wurde überzeugend deutlich, dass er in den Fesseln der Beziehung gefangen war. 

Zum Abschluss folgte dann Tetleys grandiose Choreografie zu Igor Strawinskys skandalumwittertem Ballett "Le Sacre du Printemps". Hier werden kultische Handlungen in schonungsloser Härte musikalisch dargestellt, was das Stuttgarter Ballett in hervorragender Weise umsetzte. Für Debussy war Strawinskys Musik beunruhigend, weil hier der Impressionismus praktisch aufgehoben wurde. Urtriebe in barbarischer Nacktheit und Brutalität traten entfesselt hervor. In Bühnenbild und Kostümen von Nadine Baylis erzeugten Klang und Harmonik zwischen D-Dur- und Es-Dur-Akkorden den großen Schock. 

"Le Sacre du Printemps" ist laut Glen Tetley weniger ein intellektuelles als vielmehr ein physisches Erlebnis. In dieser Konzeption steht allerdings die charismatische Persönlichkeit des erwählten Jünglings im Mittelpunkt. Das Mädchen fehlt. So kam es trotzdem zu gewaltigen Tumulten, die vom Stuttgarter Ballett hier in bewegender Weise beschworen wurden. Die Tänzer mussten körperlich immer wieder an ihre Grenzen gehen. Als wildjagendes Presto fesselte dabei insbesondere das "Spiel der Entführung". Im Rhythmus der Musik fühlte man deutlich, wie Frauen und Männer sich trennen wollten. Vier Lento-Takte lang herrschte ein unheimlicher dunkler Klang mit dumpfen Paukenschlägen und einem mystischen Streicherakkord. Alles schien zum Erliegen zu kommen. 

Im zweiten Teil "Das Opfer" erschien die Largo-Introduktion wie ein geheimnisvoller Gesang, der den Tanz begleitete. Doch die Mädchen traten in den Hintergrund, während die jungen Männer dominierten. Flöte und Solovioline brachten das wichtige Motiv, das diesen Tanz völlig beherrschte. Die Urväter wurden angerufen und begleiteten den beginnenden weihevollen Tanz mit monoton pochender Begleitung. Das Kopfmotiv des gewaltigen Ritualtanzes steigerte sich mit magisch-dämonischer Kraft immer weiter, bis das Opfer steil in die Höhe schoss. Auf die rituelle Figur wurden Sünden und Leiden der Welt übertragen. Er wurde getötet, um mit dem neuen Frühling wiedergeboren zu werden. Dieses heftige Klang-Gewitter machte auch das Staatsorchester unter Ermanno Florio ausgezeichnet deutlich. In den 275 Takten wechselte 154mal der Takt in atemberaubender Weise! 

"Bravo"-Rufe, Jubel, Riesenapplaus. 

Teile den Beitrag auf

Background image of the page