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EIN ZU WEITES FELD -- "Effi, ach, Effi Briest" nach Theodor Fontane mit dem Landestheater Württemberg-Hohenzollern Tübingen Reutlingen im Kronenzentrum BIETIGHEIM-BISSINGEN

am 23.4.2026

Geschrieben von ALEXANDER WALTHER

"Effi, ach Effi/lass dir nichts erzählen/Effi, ach, Effi/du musst dich nicht verstellen/Effi, ach, Effi/help yourself to get your kick/denn Effi, ach, Effi/Deine Story handelt nicht vom Glück..." Frei nach Theodor Fontane (mit fast keinem Satz von Fontane) erzählt hier der preisgekrönte Autor Moritz Franz Beichl die Geschichte der Effi Briest, die Tochter, Mutter, Liebhaberin sowie Frau in der Gesellschaft gleichzeitig spielt und tragisch daran zerbricht.

 Emma Stratmann als temperamentvolle, aber auch zuletzt tief verzweifelte Effi zeigt in darstellerisch drastischer Weise auf, dass keine dieser Rollen gelingt. Die 17-jährige junge Frau ist nicht so heiratswillig und gebärfreudig, wie es sich für ein Mädchen aus gutem Hause gehört. Die Regie von Meera Theunert (Bühne: Laura Robert; Kostüme: Annabelle Gotha) wirft einen ironischen Blick auf das Berlin Ende des 19. Jahrhunderts. Als der 21 Jahre ältere Baron von Innstetten erscheint, lässt sie sich von ihren Eltern fast willenlos mit diesem verheiraten. Doch schnell bricht sie aus diesem engen gesellschaftlichen Korsett aus, läuft lieber barfuß, geht allein aus, trinkt Bier. Plötzlich erscheint Major Crampas, entsteigt den Fluten der Ostsee und spielt verführerisch mit den Muskeln. Effi verliebt sich, erliegt einem James Bond aus Hinterpommern. Der empörte Baron von Innstetten will die Scheidung, nachdem er sogar dem Major zuvor Avancen machte. 

Schließlich kommt es zwischen den beiden Männern zu einem dramatischen Duell, in dessen Verlauf Major Crampas erschossen wird. Die Nähe zu Thomas Manns Roman "Buddenbrooks" wird nicht geleugnet. Bei Fontane heißt ein Sekundant sogar "Buddenbrook". Roman Majewski als Innstetten und Sebastian Fink als Crampas bieten hier teilweise ironisch überzeichnete Paraderollen. So stürmt der sterbende Crampas laut fluchend von der Bühne. Die Handlung erinnert dabei auch immer wieder an "Anna Karenina". Als einfühlsamer weiblicher Coach tritt Robi Tissi Graf als Kindermädchen Roswitha in Erscheinung. Als singende Schauspielerin tröstet sie Effi mit ihren Songs. Sie spielt dazu live Gitarre und besitzt eine Vogelperspektive auf das Geschehen. Sie sieht die Ungerechtigkeit, die Effi widerfährt und drückt ihre solidarische Haltung in ihren Songs aus, für die Meera Theunert neue Lyrics geschrieben hat.  Die patriarchale Welt wird hier scharf kritisiert. 

Baron von Innstetten steigt schließlich zum Ministerialrat auf und verstößt Effi. Effi möchte in eine Welt passen, der es völlig egal ist, was sie will. Das kommt bei der Inszenierung gut zum Vorschein. Von Innstetten stößt auch auf ein Bündel Briefe, die Effis Untreue bezeugt. Ein starkes Charakterporträt liefern zudem Susanne Weckerle als Mutter Briest sowie Andreas Guglielmetti als Vater Briest, die ihre Tochter wegen dieser Affäre nicht wieder bei sich aufnehmen wollen und zuletzt ebenfalls verstoßen. Sie hatten gehofft, dass Effi lesbisch wird. Das wird härter gezeichnet als bei Theodor Fontane. Überkommene Ehrbegriffe und starre Konventionen lassen den Ministerialrat Innstetten auch jetzt so handeln, wie es den standesgemäßen Vorstellungen von Würde und Moral entspricht. Komposition und musikalische Leitung von Christopher Ramm lockern das Geschehen immer wieder merklich auf. 

Die Kritik Fontanes an der gnadenlosen gesellschaftlichen Konvention kommt auch hier deutlich zum Vorschein. Die Bühne ist ein abwechslungsreicher Spielplatz für die Figuren. Sie schlittern und rutschen aus, kreisen um sich selbst. Zwischen Barockperücken und einem großen Herz am Haupteingang verändert sich der Horizont von Effi Briest immer mehr. Es ist eine performative Spielweise, die den Zuschauer fesselt. Die verlogene patriarchale Rolle der Männer wird hier kräftig aufs Korn genommen und satirisch überhöht. Gezeigt wird bei dem Stück außerdem, dass es ein Tabu ist, ehrlich über Sex zu reden. Deswegen hat Meera Theunert die Szene über das "Erste Mal" zwischen Effi und Innstetten neu geschrieben. Dabei kommen auch komische Momente zum Vorschein, die im Roman von Fontane so nicht vorkommen, wo Effi ja wirklich zugrundegeht und stirbt. 

Briests letzte Worte "Ach, Luise, lass...das ist ein zu weites Feld" vermisst man bei dieser Aufführung, die trotzdem viel Atmosphäre besitzt. Vielleicht könnte manche Szene noch leiser und sensibler sein, aber die Grundidee überzeugt. 

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