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GRAUSAME GESCHICHTEN -- Neuer Roman "Wer hat uns je geliebt?" von Helmut Krausser im Berlin Verlag

April 2026

Geschrieben von ALEXANDER WALTHER

Mehrere Bücher von Helmut Krausser wurden verfilmt - und das filmische Schreiben merkt man auch diesem Roman an. Man erfährt hier in spannungsvoller Weise, wie ein Backgammon-Abend in einer Berliner Kneipe tödlich endet. Der Berliner Autor lässt die Spur offen. Zentraler Augenzeuge ist ein alter Mann mit Umgangsformen aus einer längst vergangenen Zeit. Und gerade diese Perspektive macht diesen Roman interessant.

© privat

Er nennt sich in geheimnisvoller Weise "Enki". Doch Kommissarin Lucia Lill möchte nicht aufgeben und recherchiert fieberhaft weiter. Enki widersetzt sich der Gesellschaft und die Stadt gerät plötzlich aus den Fugen. Dann kommt die skrupellose Boulevardjournalistin "Poison Ivy" ins Spiel, die eine Sensation wittert. Intrige und Manipulation legen sich wie ein riesiges Spinnennetz über diese Handlung, die manchmal sogar den roten Faden zu verlieren scheint. Doch Helmut Krausser bindet die Schnur wieder zusammen, das Erzählnetz wird zunehmend dichter. Die Wahrheit jenseits des Beweisbaren wird gesucht. 

Der Autor fragt, wer dieser "Enki" wirklich ist. Wie viel darf die Boulevardjournalistin riskieren, wenn die Gesetze der Welt zu kippen beginnen? Die Welt des Magischen Realismus wird bei diesem Roman heraufbeschworen. Gegen Ende steigert sich auch das sprachliche Niveau. Dies gilt insbesondere für das erkenntnisreiche Kapitel "Ekstase." Da heißt es: "Alle Geschichten sind grausam oder belanglos. Am Ende bleiben viel mehr ungelöste Geheimnisse als zu Beginn des Lebens, wenn fast alles noch im Dunkeln liegt. Es ist ein geborenes Mysterium. Möchte es bleiben. Wehrt sich gegen Gäste, die Knoten zerbeißen. Die Nornen haben jedem von uns eine Hängematte geknüpft. Sie ist nicht auf Dauer bequem, doch stört kein Dach beim Blick auf die Sterne..." Auch zur Musik gibt es Assoziationen. Krausser zitiert eindringlich "Dunkel ist das Leben, ist der Tod!" aus Gustav Mahlers "Lied von der Erde". Eine unheimliche Zeitlosigkeit legt sich am Ende über dieses Buch:  "Lucia und Enki saßen lange zusammen unter der großen Pappel. Noch viele Jahre. Sie vergingen wie nichts. Bis Lucia, friedlich und schmerzlos, zu atmen vergaß. Enki trauerte um die Geliebte, wie er es versprochen hatte, begrub mit bloßen Händen ihren fleckig gewordenen Körper unter dem Baum und ging - in Kummer, auch Neid - zu den Menschen zurück." 

Nach diesem seltsamen Ende möchte man den Autor noch vieles fragen. Und Gustav Mahlers Musik klingt geheimnisvoll nach. 

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