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DIE OPER ALS TV-DRAMADIE OPER ALS TV-DRAMADIE OPER ALS TV-DRAMA

DIE OPER ALS TV-DRAMA

"Die Hugenotten" von Giacomo Meyerbeer, Nationaltheater Mannheim im Pfalzbau Ludwigshafen

Es war eine Premiere der besonderen Art an einem historischen Ort. Zum ersten Mal gastierte das Nationaltheater Mannheim im Pfalzbau Ludwigshafen - und die Mannheimer Erstaufführung der "Hugenotten" von Meyerbeer war am 29. August 1842. Es handelt sich hier um eine Koproduktion mit dem Grand Theatre de Geneve. Das Regieduo Jossi Wieler und Sergio Morabito stellte zusammen mit Anna Viebrock (Bühne und Kostüme) diese Genfer Arbeit nun auch in Deutschland vor.

 

Copyright: Christian Kleiner

Die Regisseure recherchierten im Reformationsmuseum und in der Kathedrale in Genf und zitieren in dieser Inszenierung Stufen, Säulen und Kirchenbänke. Sie sind Requisiten einer Filmfabrik. Es gibt auch einen Schminktisch, der zu diesen Filmutensilien gehört. Man wird außerdem an die verlassenen Filmstudios von Cinecitta erinnert, wo zwei riesige Transformatorentürme auf der rechten Seite an Gefängnistürme erinnern.

Die Liebesgeschichte zwischen dem politisch engagierten Hugenotten Raoul und Valentine, der Tochter des Katholikenführers, wird hier fieberhaft und elektrisierend erzählt, auch wenn nicht alle Szenen die gleiche Qualität besitzen. Jossi Wieler und Sergio Morabito nehmen Meyerbeers Oper nicht immer ernst, manchmal klingelt sogar das Telefon. Und die entnervten Akteure treten in historischen Kostümen des Jahres 1572 sowie im modernen Outfit mit Tennisschlägern auf. Aus den Transformatorentürmen qualmt der Rauch, als es zur blutigen Auseinandersetzung von Katholiken und den protestantischen Hugenotten kommt.

Filmstudio und Kulissenmagazin vermischen sich hier in raffinierter Weise, wenn Margarete von Valois, Schwester Karls IX. von Frankreich, sich verzweifelt um eine Versöhnung zwischen Hugenotten und Katholiken bemüht. Dabei wird am Filmset sogar das Hollywood der 30er und 40er Jahre zitiert, was manchmal etwas übertrieben wirkt. Aber das dramatische Geschehen kommt trotzdem nicht zu kurz. Man sieht sogar die furchterregende Königin Katharina von Medici betend über die Bühne schreiten, die ja für das fürchterliche Gemetzel der Bartholomäusnacht verantwortlich war.

Das Regieteam hat eine Erweiterung des hugenottischen Personals vorgenommen (Mitarbeit: Ludivine Petit). Am Ende hört man die Stimmen der Frauen und Kinder, die im Off umgebracht werden. Ganz am Anfang scheinen sich die blutverschmierten Toten wie Gespenster zu erheben. Das sind starke und heftige Szenen (Choreografie: Altea Garrido). Auch Calvin ist als Despot von Genf anwesend. Die Königin möchte Valentine, die Tochter des Katholikenführers St. Bris, mit dem protestantischen Edelmann Raoul verheiraten. Raoul liebt Valentine zwar, sieht sie jedoch als Braut des Grafen Nevers. Deswegen lehnt er sie ab und Valentine wird die Frau des Grafen. Raoul erkennt seinen Irrtum erst, als er sie im Palais ihres Gatten aufsucht und zum Zeugen eines furchtbaren Schwurs wird. Die katholische Partei möchte die Protestanten in der kommenden Bartholomäusnacht ausrotten.

Valentine versucht ihn durch das Geständnis ihrer Liebe zurückzuhalten. Doch es ist zu spät: Raoul stürmt zum Kampf und kommt zusammen mit Valentine und seinem treuen Diener Marcel im Kampfgetümmel um. Dieses Geschehen wird bei Jossi Wieler und Sergio Morabito wie aus einem Guss erzählt. Es kommt zu einer atemlosen szenischen Zuspitzung - vor allem dann, wenn der Chor in gespentischer Weise die Messer wetzt und zur Rache schreitet. Da entsteht auf der Bühne atemlose Spannung.

Ana Durlovski brilliert als Marguerite de Valois mit leuchtkräftigen Kantilenen und Koloraturen. Und auch der hervorragende Tenor Anton Rositskiy kann das Publikum als Raoul de Nangis rasch für sich gewinnen. Sung Ha ist ein prägnanter Marcel mit voluminösem Bass, während Hyemi Jung als Urbain nicht nur bei der Pagenarie mit ausdrucksvollem Sopran besticht.

Der vierte Akt gerät hier tatsächlich zu einem gewaltigen  Höhepunkt. Und der Choral "Ein feste Burg ist unser Gott" erklingt dabei klangfarblich reizvoll in allen möglichen Konstellationen. Schwurszene und Schwerterweihe werden prägnant interpretiert  - und der markante Marseillaisenrhythmus besitzt feurigen Schwung.

Ein weiterer Gipfelpunkt ist bei dieser insgesamt packenden Aufführung das Liebesduett von Raoul und Valentine in Ges-Dur. Und auch die Cantus-firmus-Thematik Marcels kommt bei den markanten Blechbläserklängen nicht zu kurz. Die Viola d'amore erklingt sensibel bei Raouls Erzählung seiner ersten  Begegnung mit Valentine, während der Gesang der Königin mit den verführerischen  Klängen der Flöte verbunden wird.  Und Valentines Seelenqualen werden mit den Klängen der Oboe verschmolzen. Die Musiker stehen dabei auf der Bühne.

In weiteren Rollen überzeugen Stefan Sevenich als Le Comte de Saint-Bris und vor allem Hulkar Sabirova als Valentine de Saint-Bris. Nikola Diskic gefällt als Le Comte des Nevers. Hinzu kommen Christopher Diffey als erster Mönch, Haesu Kim als Cosse, Kabelo Lebyana als Thore und Maurevert, Joachim Goltz als de Retz und zweiter Mönch, Serhii Moskalchuk als Meru und dritter Mönch, Thomas Berau als Schutzmann. Sie alle bieten als Ensemble eine profunde Leistung. Außerdem überzeugen die gesanglich gut aufeinander abgestimmten Hofdamen Maria Polanska und Rebecca Blanz, die auch die jungen Katholikinnen sowie die ersten und zweite Bohemiennes darstellen. Uwe Eikötter als Bois-Rose und Diener sowie Jung-Woo Hong als katholischer Student vervollkommnen dieses eindrucksvolle Ensemble.

Orchester, Chor und Extrachor des Nationaltheaters Mannheim unter der akribischen Leitung von Janis Liepins fesseln durch Detailarbeit und melodischen Schliff. Manchmal blitzt sogar das exotische Kolorit der "Afrikanerin" auf.  Man wird zuweilen an Offenbach und Verdi erinnert. Am Ende gab es Jubel des Publikums für eine eindrucksvolle Ensembleleistung. In Paris wurde diese Grand opera über 1000-mal aufgeführt.
 

 

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