Die Bühne besteht aus einem Gerüst und einem eher schlichten Tisch mit Stuhl, an dem die Feldmarschallin Platz genommen hat. Baron Ochs auf Lerchenau verschafft sich dann forsch Zutritt zu den Gemächern. Er ist in finanziellen Schwierigkeiten und möchte deswegen Sophie, die Tochter des neureichen Armeelieferanten Faninal, heiraten. Doch die ist in Octavian verliebt und möchte von Ochs nichts wissen. Diese verzwickte Konstellation kommt auch bei der halbszenischen Darstellung recht überzeugend zum Ausdruck. Wenn Octavian Sophie schüchtern eine Rose überreicht, wirkt das besonders in dieser Darstellung wie eine absolute Initialzündung. Dann stellt Faninal seiner Tochter Ochs vor, sie ist über dessen Benehmen entsetzt. Gerade die komödiantische Komponente sticht bei dieser Aufführung hervor. Octavian erklärt dem verblüfften Baron kurzerhand, dass Sophie ihn nicht heiraten wolle. Daraufhin kommt es zu gegenseitigen Beschimpfungen und einem wüsten Gerangel. Octavian erscheint plötzlich als "Mariandel" und verdreht dem Schwerenöter Ochs auf Lerchenau den Kopf.
Der untere Eingang wird zuletzt rötlich beleuchtet. Der italienische Intrigant Valzacchi, Annina und Octavian bereiten in einem Gasthaus das Treffen vor, bei dem der Baron in flagranti erwischt werden soll! Auf einmal treten verwirrende Geistergestalten auf mitsamt Kindern und der vermeintlichen Frau von Ochs, die den Baron mächtig verunsichern. Er ruft nach der Polizei, Blitze zucken - und Ochs gibt das "Mariandel" als seine Frau aus. Sophie stellt Ochs zuletzt vor allen bloß. Dieser durchschaut endlich Octavians Doppelrolle. Wie die Feldmarschallin dann den jungen Octavian aus seinem Herzenskonflikt erlöst und selbst auf ihn verzichtet, gelingt bei dieser Aufführung ganz besonders ergreifend. Da wird noch einmal ein ganz großer dramaturgischer Bogen geschlagen - und der Baron Ochs auf Lerchenau verschwindet endgültig. Die Zukunft gehört allein Octavian und Sophie.
Musikalisch gelingen Francois-Xavier Roth als umsichtigem Dirigenten des SWR Symphonieorchesters hier viele Details ausgezeichnet. Ja, er erweist sich als überzeugender Strauss-Dirigent, der die Sängerinnen und Sänger in glanzvoller Weise zu führen versteht. Diese melodische Klarheit und Kraft überträgt sich insbesondere auf Julia Kleiter als famose Feldmarschallin, die ihren seelischen Wandlungsprozess auch stimmlich in eindringlicher Weise bewältigt. Hervorragend ist ferner Emily D'Angelo als durchtriebener Octavian, deren gesangliches tiefes Timbre und Ausdrucksreichtum verblüffen. Wilhelm Schwinghammer als Baron Ochs auf Lerchenau agiert mit des Basses Grundgewalt, während Roman Trekel als Herr von Faninal seine Aufgeregtheit packend über die Rampe bringt. Nikola Hillebrand kann als betörende Sophie nicht nur bei der Rosenüberreichung das Publikum mit leidenschaftlichen Kantilenen begeistern.
In weiteren Rollen gefallen Daniela Köhler als raffinierte Jungfer Leitmetzerin, Nobert Ernst als Intrigant Valzacchi, Monica Bohinec als seine Begleiterin Annina sowie Cornel Frey als Wirt. Jonathan Tetelman imponiert als stimmlich betörender Sänger. Natürlich kommt das opernmäßig Großartige des "Rosenkavaliers" bei einer halbszenischen Darstellung nicht ganz so überzeugend zum Ausdruck. Und doch entschädigt hier der Schlussakt mit den drei überwältigenden Frauenstimmen in ganz ausserordentlicher Weise für die szenischen Wünsche, die manchmal offen bleiben. Gestaltung und Form der Walzer im "Rosenkavalier" sind abhängig von der Sprache, ihrer Metrik und ihrer Rhythmisierung. Bei Francois-Xavier Roth ist der Walzer eindeutig ein wichtiger Träger des Musikgebäudes. Schon "Tempo di Valse" beim Frühstück wirkt hier beglückend. Und auch der für dumm verkaufte Baron beginnt Mariandels Verführung mit einem für den dritten Akt bedeutsamen Walzer.
Im dritten Akt betören ferner die "Beisl"-Walzer I bis III, die zur Situationsschilderung ganz entscheidend beitragen. Alle Walzer erfüllen dabei ihre wunderbare Funktion als stilbildendes Element. Im ersten "Beisl"-Walzer als Bühnenmusik ergibt sich eine geheimnisvolle Assoziation zu Mozarts "Don Giovanni". Der Walzer fungiert dabei in beglückender Weise als Verbindungsglied der seelischen Beziehungen und der psychologischen Themenverknüpfung. Auch die Solistinnen und Solisten des MDR-Rundfunkchors überzeugen bei dieser Produktion. Jae-Hyong Kim als Polizeikommissar, Falk Hoffmann als Haushofmeister bei der Feldmarschallin, Florian Neubauer als Haushofmeister bei Faninal, Johannes Weinhuber als Notar, Leevke Hambach, Alexandra Schmid, Nadya Zelyankova als drei adelige Waisen, Anna Rad-Markowska als Modistin, Thembinkosi Mgetyengana als Tierhändler, Yongkeun Kim, Jakob Eberlein, Florian Neubauer, Tobias Ay als vier Lakaien der Marschallin sowie Falk Hoffmann, Florian Neubauer, Felix Plock, Gun-Wook Lee als vier Kellner und Manuel Helmeke als Hausknecht vervollständigen den ansprechenden Reigen unterschiedlichster Charaktere.
Der "Rosenkavalier" soll eigentlich kein soziales Problemstück und auch keine politische Oper sein. Doch gerade die sozialen Schwachstellen werden in der komplexen Figur der Marschallin manchmal grell beleuchtet. Das ausklingende Gespräch zwischen der Marschallin und Octavian gelingt besonders schön. Und auch deren spätere Distanz kommt nicht zu kurz. Die Buffo-Laune des Ochs erinnert bei Wilhelm Schwinghammer an Falstaff. Melodischer Ausdruck und restlose Erschöpfung des Gefühlsinhaltes zeigen sich bei dieser gelungenen Wiedergabe immer wieder von ihrer besten Seite. Mit einer großen Terz nach E-Dur eröffnet Julia Kleiter einfühlsam das Terzett, wo wiederholt das Tempo entscheidend ist.
Zuletzt großer Jubel!


