Logo of theaterkompass.de
HomeBeiträge
DIE KUNST DER FUGE - SWR Symphonieorchester unter Michael Sanderling in der Liederhalle STUTTGART DIE KUNST DER FUGE - SWR Symphonieorchester unter Michael Sanderling in der...DIE KUNST DER FUGE - SWR...

DIE KUNST DER FUGE - SWR Symphonieorchester unter Michael Sanderling in der Liederhalle STUTTGART

am 12. Mai 2023

Diesmal konnte man das SWR Symphonieorchester unter der Leitung von Michael Sanderling mit ausgefallenen Werken hören.

 

Zunächst erklang die sehr selten gespielte Lustige Sinfonietta in d-Moll op. 4 "zum Gedächtnis an Christian Morgenstern" von Paul Hindemith. Eröffnet wurde dieses Werk  mit einem volksliedhaften Thema, das von den Galgenbrüdern handelte. Das klagende Motiv im Englischhorn setzte sich durch. Dann folgte die Fuge als Durchführung beim "großen Lalulä", wo die einzelnen Themen concertino-artig hervorblitzten. Reizvolle rhythmische Figuren führten bei dieser atemlosen Interpretation zu kontrapunktischen Höhepunkten. Harmonisch facettenreich kam auch das Intermezzo mit seinen "zoologischen Merkwürdigkeiten" daher. Und im letzten Satz kam es bei den kunstvollen Variationen über das Thema "Palmström" zu zahlreichen klangfarblichen Veränderungen, die vom SWR Symphonieorchester minuziös ausgekostet wurden. Nach einem Rückgriff auf das erste Thema des Kopfsatzes endete diese "Lustige Sinfonietta" im Pianissimo, die erst im Jahre 1980 zum ersten Mal aufgeführt wurde.

Sergey Khachatryan (Violine) war dann der Solist im Violinkonzert in D-Dur von Igor Strawinsky. Die Thementypen des Barock blitzten hier in reizvoller Weise hervor. Mit akkordischen Ausrufungszeichen wurde sogleich die Toccata vom SWR Symphonieorchester unter Michael Sanderling eingeleitet, das den Solisten mit silbrigen Klängen einhüllte. Die barocken Stilvorlagen kamen in origineller Weise zur Geltung. Und das Terzenthema in den Trompeten schien das Violinspiel plötzlich ständig zu begleiten. Das Thema der Solovioline wurde von Sergey Khachatryan ausdrucksvoll gestaltet. Die erste Aria hielt sich dann konsequent an den d-moll-Akkord. Ein elastisches Bassfundament begleitete die Solovioline dabei ausgesprochen transparent. Und die Melodielinie der Violine verlor hierbei nie ihre Leuchtkraft. Das bekannte Air aus Bachs D-Dur-Suite schimmerte lyrisch hindurch. Wie ein ausgelassenes Rondo kam das Capriccio daher, dessen Thema an Bach gemahnte. In der Presto-Coda agierte der Solist ausgesprochen bravourös.

Als Zugabe spielte Khachatryan eine berührende armenische Weise.

Zum Abschluss überzeugten dann noch die Variationen über ein Thema von Mozart op. 132 von Max Reger. Der Grat zwischen Bindung und Freiheit wurde bei dieser Interpretation voll ausgelotet. Mit unerschöpflicher Erfindungskraft hat Max Reger bei diesem Werk komponiert, das im Jahre 1914 nach einem gesundheitlichen Zusammenbruch entstand.  Und das A-Dur-Thema aus Mozarts berühmter A-Dur-Sonate für Klavier entwickelte sich wie von selbst. Das Steigerungsprinzip kam unter Michael Sanderlings Dirigat feinnervig zu Gehör. Die erste Variation umspielte das  Thema in den Holzbläsern mit reizvollen Streicher-Arabesken, die zweite meldete sich in Gegenbewegung virtuos in der ersten Violine mit der Einbettung in das Geflecht der Holzbläser. In der dritten Variation kam die Änderung in Rhythmus und Tonart sehr deutlich zum Vorschein. Der Glanz von Hörnern und Trompeten beherrschte die vierte Variation als prunkvolles Jagdstück. Und die fünfte Variation kam als schemenhafte Nachtvision zum Vorschein. Das neu harmonisierte Thema erschien dann in der sechsten Variation um so deutlicher. Die Originalgestalt der Mozart-Melodie erschien in bewegender Weise in der siebten Variation wieder. Horn und  Cello bildeten hier ein bedeutendes Gewicht zur Gegenstimme der Streicher.

Ausdrucksvoll gestaltet war bei dieser Wiedergabe auch die gedankenvolle Adagio-Phantasie über das Thema. Eine schmerzlich-träumerische Episode leitete zur großartig gestalteten Fuge über, deren erstes Thema zierlich in den ersten Violinen erklang. Die Klarinetten stimmten dann das ruhig-gehaltene zweite Thema an. Die geniale Verarbeitung der beiden Themen trat bei der klar strukturierten  Interpretation mit dem SWR Symphonieorchester unter Michael Sanderling deutlich hervor. In Hörnern und Trompeten erstrahlte Mozarts Melodie dann nochmals in geradezu überwältigender Weise. Die Kunst der Fuge gipfelte über den gekoppelten beiden Fugenthemen als triumphaler Abschluss. In dynamischer und klanglicher Hinsicht ist bei diesem Orchester sogar noch eine Steigerung möglich.

Begeisterung, viel Applaus. Orchestermitglieder des SWR Symphonieorchesters luden dann noch zu einem humorvollen Streicher-Potpourri als "Ausklang" ins Foyer der Stuttgarter Liederhalle mit Schlagern aus der Filmwelt der 30er Jahre ein. Dabei waren neben Theo Mackebens "Bel Ami" auch Melodien wie "So oder so ist das Leben" und "Die Juliska aus Budapest" aus der Operette "Maske in Blau" von Fred Raymond  zu hören.
 

 

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 20 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

DEM VOLKSTÜMLICHEN VERBUNDEN -- Zweiter Teil des Tschaikowsky-Zyklus' mit dem Staatsorchester Stuttgartder in der Liederhalle/STUTTGART

Das Staatsorchester Stuttgart musizierte unter der elektrisierenden Leitung von Cornelius Meister im zweiten Teil des Tschaikowsky-Zyklus zunächst die selten zu hörende Sinfonie Nr. 2 in c-Moll aus…

Von: ALEXANDER WALTHER

ANKLÄNGE AN SCHWANENSEE --Tschaikowsky-Zyklus, 7. Sinfoniekonzert des Staatsorchesters Stuttgart unter Cornelius Meister

Die eher selten zu hörende Sinfonie Nr. 1 in g-Moll "Winterträume" op. 13 von Peter Tschaikowsky besitzt überraschende Anklänge an dessen Ballettmusiken zu "Nussknacker" und "Schwanensee", was…

Von: ALEXANDER WALTHER

MIT STÜRMISCHER BEWEGUNG -- Carl-Flesch-Akademie Baden-Baden mit Meisterkonzert 2.0 Kammermusik im Hotel Maison Messmer

Diesmal konnte man die Auslese aus fast 280 Bewerbungen aus 56 Ländern hören. Es war ein ausgezeichnetes Kammermusik-Konzert der Extraklasse. Zunächst erklang das mit feinsinniger Balance musizierte…

Von: ALEXANDER WALTHER

LIEBE IST ETWAS WUNDERBARES -- Martina Gedeck und Xavier de Maistre im Ordenssaal bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen

"Licht und Schatten" in Musik und Literatur beleuchteten sehr eindrucksvoll die bekannte Schauspielerin Martina Gedeck und der berühmte Harfenist Xavier de Maistre im Ordenssaal. Von Rainer Maria…

Von: ALEXANDER WALTHER

Schlussapplaus -- „Favourite Things“ von Demis Volpi in der deutschen Oper am Rhein

Das Beste kommt zum Schluss! Lieblingstücke der Ballettkompagnie, des Publikums, des Ballettdirektors, mit „Favourite Things“ verabschiedet sich Demis Volpi vom Ballett am Rhein um die Nachfolge von…

Von: Dagmar Kurtz

Alle Kritiken anzeigen

folgen Sie uns auf

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

Hintergrundbild der Seite
Top ↑