Gluck war auch einer der frühen Reformer der Ballettkomposition, was in den beiden Choreographien sehr deutlich und faszinierend zum Ausdruck kommt. Der Spanier Angel Rodriguez erzählt die Geschichte der mörderischen Königin Semiramis durch eine abstrakte Folge von klassischen Themen, die tänzerisch sehr vielseitig ausgeführt werden. Und der Rumäne Edward Clug schildert die Geschichte Don Juans nach Molieres Komödie in einer minimalistischen, modernen Ausstattung, wobei ein großes Pferd zuletzt ganz im Mittelpunkt steht. Immer wieder reagieren hier die Tänzerinnen und Tänzer in höchst sensibler Weise auf diese visuellen Herausforderungen! Und es gibt für Don Juan ein ausgesprochen poetisches Ende, er versinkt hier sphärenhaft in geöffneten Tüchern, im Hintergrund leuchtet ganz entfernt ein rötlicher Feuerschein.
Marko Japelj (Bühne) und Leo Kulas (Kostüme) unterstreichen bei "Don Juan" den schlichten und bewegenden Charakter der Handlung, wobei sich die Bühne mehr verändert wie bei "Semiramis", die im Bühnenbild von Curt Allen Willmer & Leticia Ganan und den Kostümen von Rosa Ana Chanza Hernandez noch trister erscheint. Bei Rodriguez ist "Don Juan" tatsächlich ohne konkrete Handlung, es entsteht hier ein Geflecht von abstrakter Sensibilität. Die Masse drückt dabei den Instinkt der Frau aus, ein Gefühl ständiger Bewegung verfestigt sich. Donna Elvira steht im Mittelpunkt, die von Solene Monnereau mit vielen Facetten verkörpert wird. Und Alexandre De Oliveira Ferreira unterstreicht bei seiner eindringlichen Darstellung des Don Juan die Welt als tänzerische Allegorie. Hinzu kommt Kleber Rebello als undurchsichtiger Sganarelle.
Tradition wird mit zeitgenössischer Ästhetik verbunden. Rodriguez möchte der Geschichte von Moliere dabei nicht wörtlich folgen. Entstanden sind trotzdem Bilder betörender Ästhetik und Intensität, die sich tief ins Gedächtnis einprägen. Bühnenbild, Kostüme und Licht bilden plötzlich eine Einheit. Für Edward Clug hängt die Schönheit des Tanzes bei "Don Juan" mit abstrakten Frequenzen zusammen. Sehr passend erklingen die beiden Ballettmusiken von Gluck hier in einer opulenten Aufnahme mit dem Orchestre Le Concert des Nations & Jordi Savall (Direktion: Beate Vollack). Für Angel Rodriguez steht bei "Semiramis" noch mehr die Emotion im Zentrum, was auch tänzerisch sehr gut zum Ausdruck kommt. Alle Tänzer sind hier Semiramis.
In diesem Universum ohne Unterschiede sind Männer und Frauen eins. Musik, Raum und Kostüme bestimmen bei Edward Clug den Zugang zu "Don Juan". So verbindet sich die Don-Juan-Legende geheimnisvoll mit der mythischen Geschichte von Semiramis. Thematische Vielfalt und kontrapunktische Präzision der Musik des von E.T.A. Hoffmann so trefflich charakterisierten "Ritter Gluck" können sich bei dieser minuziösen Darbietung prachtvoll entfalten. Die Motive entwickeln sich leidenschaftlich und besitzen zuweilen sogar dämonische Größe. Feierlich-starre Monumentalität steht neben Wendungen von zart-innigem Empfinden, die tänzerisch in wunderbarer Weise ausgekostet werden. Der düstere Moll-Charakter wandelt sich zum sphärenhaften Dur - und umgekehrt. Dies ist vor allem bei "Don Juan" der Fall, der an diesem Abend den stärksten Eindruck hinterlässt.
Großer Jubel des Publikums für diese beiden deutschen Erstaufführungen.


