Drei interessante Werke wurden im Beethovensaal zu diesem bemerkenswerten Thema vorgestellt. Zunächst erklang das wertvolle und vom katholischen Glauben stark beeinflusste Chorwerk "Cecilia Virgo" für Doppelchor a cappella des Schotten James MacMillan. Die Dualität des geteilten Chores wirkte bei dieser weiträumigen Wiedergabe besonders reizvoll. Die beiden Chöre begegneten sich im irdischen C-Dur und im überwältigend-triumphalen D-Dur. Die modalen Wendungen des zweiten Chores erinnerten an den französischen Stil. Sphärenhaft leuchtete E-Dur auf. Der spirituelle Charakter gipfelte dann zuletzt bei beiden Chören in einem geradezu überirdisch anmutenden C-Dur. MacMillan erscheint Cäcilia hier als barmherzige Vermittlerin zwischen irdischem Leben und Paradies.
Für Benjamin Britten hingegen wird sie in seiner "Hymn to St. Cecilia" op. 27 für fünfstimmigen Chor a cappella in einer Zeit des Faschismus zu einer berührenden Quelle der Hoffnung. Diesen Bezug arbeitete Hans-Christoph Rademann zusammen mit der hervorragenden Gaechinger Cantorey in bewegender Weise heraus. Das Gedicht "Anthem for St. Cecilia's Day" von Wystan Hugh Auden liegt Brittens Komposition zugrunde. Die Komposition gliedert sich in drei kontrastierende Abschnitte. Die Anrufung Cäcilias wirkt wie ein eindringlicher "Refrain". Parallel geführte Frauenstimmen erwecken traumhafte Passagen, die Hans-Christoph Rademann mit dem Chor sehr gut betonte. Es war ein eindrucksvolles Spiel mit unterschiedlichen Zeit- und Realitätsebenen. Kadenzwendungen von E-Dur nach C-Dur prägten sich bei dieser verinnerlichten Interpretation tief ein. Der Bau der Orgel sowie die Erweiterung des Gebets spiegelten sich dynamisch ergreifend zwischen den Tönen h und fis bis zum clusterhaften Es-Dur-Dreiklang. Die Bezugnahme auf die griechische Liebesgöttin Aphrodite wurde dann im fugierten Abschnitt deutlich. Das Eingeständnis der Niederlage erschien sogar in einem tröstlich-irdischen C-Dur. Die Strahlkraft des Chores der Gaechinger Cantorey ließ nirgends nach. Als Zuhörer begriff man auf jeden Fall, dass Benjamin Brittens Tonsprache von Purcell und Händel bis zu Strawinsky und Alban Berg beeinflusst ist. Die harmonische Wandlungsfähigkeit kam dabei sehr schön zur Geltung. Selbst knappen Themen wurde höchste Bildkraft gegeben. Manches wirkte dann poetisch und lyrisch zugleich. Pathetische Steigerungen beim wiederkehrenden Cantus firmus wurden in klangschöner Weise verdeutlicht.
Henry Purcell stellt seine Cäcilia in seiner Ode "Hall! Bright Cecilia" für Soli, Chor und Instrumentalensemble als eine Art Muse dar, die in einer kosmischen Ordnung die Musizierenden inspiriert. Erstaunlich war bei dieser Interpretation Henry Purcells Nähe zu Georg Friedrich Händel. Die Frische und Wärme der reichen Melodien trat überall hervor. Bei Purcell geht die Musik stark von der Natur aus, was sich insbesondere in den Tonarten D-Dur, d-Moll und B-Dur zeigt. Die Verherrlichung der Orgel folgt daraufhin in g-Moll und D-Dur. Die ersten beiden kontrapunktischen Chorsätze umrahmten stark den irdischen Bezug zur Musik. Dies unterstrichen ebenso die Gesangssolisten Lucy de Butts (Sopran), Alex Potter (Altus), Jonathan Mayenschein (Altus), Benedikt Kristjansson (Tenor), Christopher Renz (Tenor), Matthew Brook (Bass) und Tobias Ay (Bass). Selbst die expressive melodische Linie trat immer wieder deutlich hervor. Auch die musikalische Spannkraft kam nie zu kurz. Insbesondere der Schlusschor imponierte hier als gewaltige doppelte Fuge. Der Abschluss im majestätischen D-Dur gelang dem Ensemble überwältigend. Rademann erfasste Purcell hier in seiner ganzen Tiefgründigkeit und bedeutenden Modernität. Modal gefärbte Harmonik, Klangsensibilität und atemberaubende Chromatik ergänzten sich bei dieser Wiedergabe gegenseitig. Insbesondere die klangfarbenreiche Instrumentierung bei den solistischen Nummern zahlte sich immer wieder aus. Dies galt insbesondere für die sprechenden Bäume bei "Hark, hark, each tree" und die geheimnisvollen Botschaften aus der griechisch-römischen Antike, die so gar nicht aufgesetzt erschienen. Die kunstreich-träumerische polyphone Verflechtung der Menschenstimme sowie die Nähe zum Madrigalgesang traten immer wieder leuchtend hervor.
Zuletzt Jubelstürme eines begeisterten Publikums.

