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"Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte", Kammeroper von Michael Nyman, Theater Erfurt

Premiere: Fr, 22. Januar 2016, 19.30 Uhr, Studiobühne. -----

Die Fallgeschichte: Dr. P., ein Sänger und Gesangslehrer, leidet an visueller Agnosie – eine Art Gesichtsblindheit, hervorgerufen durch Beschädigungen der visuellen Zonen des Gehirns. Er empfindet zunehmend Schwierigkeiten, Gegenstände wie eine Rose, einen Handschuh oder auch das Gesicht seiner eigenen Frau, das er für einen Hut hält, zu erkennen.

Halt in einer solcherart immer verwirrender werdenden Welt bietet ihm allein die Musik. So gerät ihm der Lärm der Straße zur Geräuschsinfonie, und auch die gewöhnlichsten Vorgänge des Lebens werden von Musik begleitet. Als einzig mögliche Therapie verschreibt ihm sein Arzt Dr. S. folglich nur – Musik!

 

Der Stoff

In seinem Bestseller „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ hat der 1933 in London

geborene und am 30. August 2015 in New York verstorbene Neurologe Oliver Sacks Berichte über

Erkrankungen insbesondere der rechten Hälfte des menschlichen Gehirns versammelt; denn „die rechte Hälfte ist in entscheidendem Maße an der Wahrnehmung der Wirklichkeit beteiligt, eine Fähigkeit, über die jedes Lebewesen verfügen muss, um überleben zu können. [...] die klassische

Neurologie aber beschäftigte sich mehr mit schematischen Abläufen als mit der Realität, sodass man

einige Symptome der rechten Gehirnhälfte nach ihrer Entdeckung lediglich als wunderliche Phänomene abtat.“ (Sacks)

 

Es ist nur ein schmaler Grat, der zwischen der Wahrnehmung und der Fehlwahrnehmung der uns

umgebenden Natur und ihrer Phänomene liegt, kleinste neurologische Beeinträchtigungen können somit enorme Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen haben. Körperlich unversehrt und in allen

übrigen Vitalfunktionen vollkommen unbeeinträchtigt, ist ein „normaler“ Tagesablauf für die an

visueller Agnosie erkrankten Patienten kaum oder nur sehr schwer möglich. Umso erstaunlicher,

inwieweit das menschliche Gehirn dennoch in der Lage ist, gewissermaßen durch Ersatzhandlungen

eine rettende Struktur zu schaffen, um so selbst die alltäglichsten Handgriffe und Vorgänge – Waschen, Essen, Ankleiden – bewältigen zu können. Für Dr. P., den Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte, ist es die Musik, die diese Brückenfunktion übernimmt: „Ich lege ihm seine Kleider an der gewohnten Stelle hin, und er zieht sich ohne Schwierigkeiten an“, so die Ehefrau des Patienten Dr. P. in Oliver Sacks Fallgeschichte. „Dabei singt er vor sich hin. Das tut er bei allem, was er macht. Aber wenn er unterbrochen wird und den Faden verliert, ist er ratlos – dann weiß er mit seinen Kleidern oder mit seinem eigenen Körper nichts anzufangen. Er singt die ganze Zeit: Esslieder, Anziehlieder, Badelieder, alles Mögliche. Er kann nichts tun, ohne ein Lied daraus zu machen.“

 

Die Kammeroper

Musik als rettende Brücke, Musik als Therapie – Sacks‘ Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte faszinierte nach seinem Erscheinen nicht nur die Fachwelt. Im Jahr 1986 lernte Sacks in

London den britischen Komponisten Michael Nyman kennen – einem breiteren Publikum insbesondere durch seine Zusammenarbeit mit dem Filmemacher Peter Greenaway und den Soundtrack zum Film „Das Piano“ bekannt –, der ihn fragte, ob er sich die Fallgeschichte als Grundlage zu einer Kammeroper vorstellen könne. „Ich sagte, ich könne mir so etwas nicht vorstellen“, so Oliver Sacks in seinen 2015 unter dem Titel „On the Move“ erschienenen Lebenserinnerungen, „woraufhin Nyman antwortete, das müsse ich auch nicht, das Vorstellen übernehme er. Tatsächlich hatte er das bereits getan, denn am folgenden Tag legte er mir eine Partitur vor und nannte mir den Librettisten, der ihm vorschwebte: Christopher Rawlence.“

 

Die mit Harfe, Klavier, zwei Violinen, einer Bratsche und zwei Celli äußerst klein besetzte Partitur bietet eine Fülle an vielschichtigem Klangmaterial und mischt virtuos Zitate aus Liedern Robert Schumanns – der zeitlebens selbst, wie wir aus seinen Tagebucheinträgen erfahren, unter „Qualen fürchterlichster Melancholie“ litt – mit Elementen der amerikanischen Minimal Music. Seit ihrer Londoner Uraufführung am 27. Oktober 1986 zählt Michael Nymans Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte zu den meistgespielten Kammeropern des neueren Repertoires.

 

Die Inszenierung in Erfurt/Der Regisseur

 

In der Regie von Markus Weckesser ist das Werk nun erstmals in Erfurt zu erleben. Weckesser, der zuletzt im April 2014 Terrence McNallys Meisterklasse in einer viel diskutierten Inszenierung auf die

Studiobühne gebracht hat, wird auch Nymans Partitur einer ganz eigenständigen Lesart unterziehen und dabei gemeinsam mit Ausstatter Hank Irwin Kittel neue und ungewohnte Perspektiven über Dr. P., die Musik und nicht zuletzt auf die Form der „Kammeroper“ selbst aufzeigen. Weckesser verspricht einen extrem sinnlichen Abend und sagte zu Probenbeginn: „Um die Dramatik des Gehirnzerfalls nachvollziehbar werden zu lassen, werden wir ein wenig experimentieren. Wir werden ein wenig

experimentieren und beispielsweise mit Licht und Gerüchen eine Atmosphäre schaffen, die den

Zuschauer das Leiden des Patienten spüren lässt.“

 

Musikalische Leitung: Peter Leipold

Inszenierung: Markus Weckesser

Bühne: Hank Irwin Kittel

Kostüme: Mila van Daag

Licht: Stefan Winkler

Dramaturgie: Berthold Warnecke

Musikalische Assistenz Yuki Nishio

Inspizienz: Marion Kardos

Regieassistenz und Abendspielleitung: Hans Walker

Dramaturgiehospitanz: Lisa Wetzel

Musikalische Einstudierung Ralph Neubert (Studienleiter), Hermes Helfricht, Peter Leipold, Yuki Nishio

 

Mrs. P.: Marisca Mulder

Dr. S.: Thomas Paul

Dr. P.: Gregor Loebel

 

Philharmonisches Orchester Erfurt

 

Weitere Aufführungen So, 24.01. | Fr, 29.01. | Mo, 14.03. | Di, 15.03. | Sa, 19.03.2016

 

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