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DEM ANDENKEN EINES ENGELS -- Teodor Currentzis und das Utopia Orchestra mit Berg und Mahler in der Liederhalle STUTTGART

am 27.5.2026

Geschrieben von ALEXANDER WALTHER

Zunächst erklang Alban Bergs Violinkonzert "Dem Andenken eines Engels", ein Requiem für die 18jährig gestorbene Tochter der Witwe Gustav Mahlers, Alma, und des Architekten Walter Gropius: Manon Gropius. Der norwegischen Geigerin Vilde Frang gelang hier eine ergreifende Interpretation dieses besonderen Werkes. Zusammen mit dem glänzend disponierten Utopia Orchestra unter der einfühlsamen Leitung von Teodor Currentzis wurde die vielschichtige Musik gleichsam neu entdeckt.

Im ersten Teil des zweisätzigen Werks suchte Berg Wesenszüge des jungen Mädchens in musikalische Charaktere zu übersetzen. Im zweiten Teil gliedert sich die Sterbeszene in Katastrophe und Lösung. Das auf und nieder schwebende Präludieren des Beginns musizierte Vilde Frang ausgezeichnet, zarte Andante-Melodien dämmerten auf, die sich zu einem berührenden Grazioso-Mittelteil verdichteten. Alles zerfloss wunderbar in das Wogen des Anfangs. Über dem gleichen Untergrund erhob sich der Beginn des eingeschobenen Allegretto-Scherzo, das die Vision des lieblichen Mädchens als anmutigen Reigen festhielt. Vilde Frang gelang hier eine ausgezeichnete Wiedergabe, die den Hörer ungemein fesselte. Der Reigen kam als zart-verträumter Charakter und dann wieder urwüchsig als Kärntner Volksweise daher. Ein wilder Aufschrei des Orchesters leitete dann den Hauptteil ein, der als freie, stürmisch bewegte Kadenz der Solistin anhob. Unaufhaltsam raste hier das dämonische Treiben der Katastrophe zu. Vilde Frang und das Utopia Orchestra unter Currentzis wuchsen ganz zusammen. Stöhnen und grelle Hilferufe wurden im Orchester laut, erstickt von beklemmenden Rhythmen. Schließlich folgte über einem langen Orgelpunkt der allmähliche Niederbruch. Der Choral "Es ist genug! Herr" aus Bachs Kantate "O Ewigkeit, du Donnerwort" erklang in der Solovioline berührend. Vilde Frang lauschte der Musik nach. Es folgten kunstvoll musizierte Variationen, denen die ursprügnliche Choralmelodie zugrunde lag. Immer lauter schwoll diese bewegende Totenklage an. Die Solistin machte sich im wahrsten Sinne des Wortes "mit sichtbarer Gebärde" zur Führerin des gesamten Violinen- und Bratschenkörpers, kommunizierte mit den stehenden Musikerinnen und Musikern und bewegte sich langsam nach hinten. Eine wie aus der Ferne tönende, unbeschreiblich wehmütige Reprise der Kärntner Volksweise behauptete sich innerhalb des herb harmonisierten Chorals. Jubel für diese beispielhafte Interpretation! 

Danach triumphierte Teodor Currentzis mit dem Utopia Orchestra und einem stehenden Streicherapparat mit Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 1 "Der Titan". Ursprünglich hat Mahler diesem Werk ein Programm nach Jean Pauls Dichtung "Der Titan" zugrunde gelegt. Als Themen verwendet er  mehrfach Melodien aus seinem Zyklus "Lieder eines fahrenden Gesellen", was Teodor Currentzis mit dem Orchester eindrucksvoll herausarbeitete. Die langsame Einleitung des Hauptthemas gelang wirkungsvoll. Dunkel empordrängende Bassmotive beschworen die Klangvision des erwachenden Morgens. Das Liedthema beschwor dann neue Naturstimmen und liednahe Gegenmelodien. Aus dem mystischen Zwielicht hoben die Hörner eine heitere Wandermelodie empor. Aus Gegenmotiven und neu gewecktem Nachhall löste sich das zweite Thema. Es wurde sogleich wieder in reiches motivisches Stimmengeflecht verstrickt. Und leise brachte sich dann das Hauptthema in Erinnerung. Jubelnde Naturstimmen beschlossen diesen Satz. Als tanzfrohes Scherzo entwickelte sich der zweite Satz. Die aufstampfenden Rhythmen der Ländlermelodie wurden aber nicht übertrieben musiziert. Dumpf wie ein Trauerkondukt hob feierlich der dritte Satz an. Sein Kopfthema über dem Paukenschritt erschien schemenhaft als Volksmelodie "Bruder Jakob". Fetzen böhmischer Melodien traten auf, alles wirkte bei Currentzis sehr stark wie eine gespensterhafte Parodie als "Trauermarsch in Callots Manier". Motivteile des Hauptthemas kamen stürmisch bewegt im letzten Satz auf den Hörer zu. Teodor Currentzis stellte beispielhaft die entschlossene Energie dieses Satzes heraus, der in eine hitzige Durchführung mündete, zu deren lodernder Erregung das zweite Thema in den Violinen einen Gegensatz von satter melodischer Schönheit bot. Nach sehr ernster und erregter Auseinandersetzung mit dem ersten Thema zeichnete sich der grandiose und sieghafte Schluss in mehreren gewaltigen Aufschwüngen ab. Themen und Fanfaren aus dem ersten Satz meldeten sich triumphal, führten zu befreitem Jubel. 

Ovationen des Publikums!

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