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NEUE WISSENSCHAFTLICHE ANSÄTZE -- Buchbesprechung - Lena-Lisa Wüstendörfer: Mahlers vierte Sinfonie und ihre Interpretation - edition text+kritik

Mai 2026

Geschrieben von ALEXANDER WALTHER

So umfangreich ist Gustav Mahlers vierte Sinfonie selten beleuchtet worden. Die Dirigentin des Swiss Orchestra, Lena-Lisa Wüstendörfer, beschreibt hier die Grundzüge der Mahler-Rezeption seit ihren Anfängen und forscht nach Gründen, weshalb Mahlers Musik gerade heute so aktuell ist. Der an Joseph Haydn gemahnende, auch lyrische Charakter dieser Sinfonie sticht in besonderer Weise hervor. Die eingehende Analyse von Tondokumenten gehört zu den Vorzügen dieses Bandes, der natürlich von den reichen Erfahrungen einer Dirigentin geprägt ist. Rezeptionshistorische, interpretationsästhetische und kulturgeschichtliche Gesichtspunkte spielen dabei eine besondere Rolle.

© Quelle: Lena-Lisa Wüstendörfer

Mahler galt zunächst als unpopulärer Tonschöpfer, so Wüstendörfer. Dies habe sich jedoch entscheidend gewandelt. Diesen Sachverhalt untermauert sie an zahlreichen Beispielen. Unzählige Konzertaufführungen, zahlreiche Neueinspielungen und internationale Festivals belegen dieses ungewöhnliche Publikumsinteresse. Das Buch zielt darauf ab, die jüngere Mahler-Interpretation und-Rezeption unter Berücksichtigung der vierten Sinfonie zu untersuchen und die Tondokumente der Jahre 1990 bis 2011 genau unter die Lupe zu nehmen. Wertvoll ist in diesem Zusammenhang auch eine diskologische Übersicht zur Entwicklung von Mahlers Musik. 

Der "Mahler-Dirigent" wird dabei begrifflich untersucht. Bruno Walter und Eugene Ormandy hätten 1936, 1938 sowie 1935 das "Lied von der Erde", die neunte Sinfonie und die zweite Sinfonie aufgeführt. Dazu Lena-Lisa Wüstendörfer: "Nirgends sonst verbreitete sich Mahlers Werk bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs auch nur annähernd so rasch wie in den USA". Was vordergründig in der vierten Sinfonie von Mahler in Form und Gestalt eindeutig und klassisch scheine, entpuppe sich bei genauerem Fokussieren als ein Konglomerat kompositionsgeschichtlich gleichsam revolutionärer Neuerungen. Dies betreffe vor allem Mahlers Idee, eine Lied-Humoreske als Finale zu setzen, die keinen monumentalen Charakter habe. Auf die romanhafte Form des Kopfsatzes habe Adorno hingewiesen. Im Gegensatz zu Richard Strauss seien die "banalen Motive" bei Mahler bereits Material. Wolfram Steinbeck etwa gehe in seiner Analyse narrativer Strukturen zunächst vom Finalsatz aus, in dem der Sopran ein kindlich-naives Schlaraffenland schildere, dessen behagliche Heiterkeit im 40. Takt jäh durch das "Schellenmotiv" mit seinen "Vorschlägen klappernden leeren Quinten" durchrissen werde. 

Ferner vergleicht Lena-Lisa Wüstendörfer auch die Dirigenten Hartmut Haenchen, Ion Marin, Daniel Harding, Roger Norrington, Dan Ettinger oder Ivan Fischer hinsichtlich ihrer Mahler-Interpretationen untereinander, was durchaus spannend und aufschlussreich ist. Der vibratoarme Orchesterklang herrsche vor allem bei Roger Norrington vor. Dirigenten wie Herreweghe hätten außerdem die "historisch informierte Aufführungspraxis" bevorzugt. Dan Ettinger überrasche mit einer extrem unterschiedlichen Charakterisierung der verschiedenen Themen. Neben Fingersatz und Glissando weist Wüstendörfer zudem auf den Charakter des "Wienerwalzers" hin, der hier und da aufblitzt.  Bei der Auswertung der Tempoverhältnisse kommen Abbado und Boulez hinzu. Keine Frage: Diese Analyse ist vor allem auch für Dirigenten und Orchestermusiker in besonderer Weise nützlich. Man spürt die große Praxiserfahrung der Autorin, was sie von anderen rein musikwissenschaftlichen Theoretikern unterscheidet. Deswegen kann man den Band sehr empfehlen. 

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