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ZWIESPALT EINES POLITIKERS -- Premiere "Der ideale Mann" von Oscar Wilde im Schauspielhaus STUTTGART

am 28.3.2026

ALEXANDER WALTHER 29.03.2026

Was macht denn einen erfolgreichen Politiker aus? Wahrscheinlich doch ein eher biederes Weltbild, das der Volksmasse aus der Seele spricht. Marco Storman wagt bei seiner eher konservativen Inszenierung von Oscar Wildes "Der ideale Mann" keine großen Experimente. Das Stück verharrt passend im viktorianischen Zeitalter.

© Arno Declair

 Die High Society wird im Bühnenbild von Frauke Löffel und den Kostümen von Yassu Yabara regelrecht seziert. Vielleicht sind gelegentlich zu viele Attrappen auf der Bühne, doch die Konturen der verschiedenen Charaktere kommen klar zum Vorschein. Und die Musik von Imre Lichtenberger Bozoki und Martin Hemmer unterstreicht die schrägen gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Protagonisten entsteigen einer dampfenden Kutsche. Politik und Privates treffen zwischen Parlamentssitzungen und Bällen in heftiger Weise aufeinander. Mittendrin sitzt Sir Robert Chiltern, Staatssekretär im Auswärtigen Amt, der von seiner Frau bewundert wird. 

Doch auf einem ausladenden Empfang in seiner städtischen Villa holt ihn die Vergangenheit ein, als eine gewisse Mrs. Cheveley plötzlich unter den Gästen auftaucht. Sie verwickelt den Gastgeber in ein Gespräch über ein dubioses Kanalprojekt, in das sie investiert hat. Chiltern soll sie dabei unterstützen. Allerdings macht sie das nicht ohne Hintergedanken, denn sie ist im Besitz eines Briefes, der Amtsverrat als Ursprung seines finanziellen Erfolgs offenbart. Diese Erpressung zwingt den überraschten Politiker zur Wahl zwischen öffentlichem Ruin und dem Bruch seiner Ehe und seiner Prinzipien. Dieser Entscheidung versucht er sich deswegen zu entziehen. 

Die Inszenierung arbeitet hier mit satirischen Übertreibungen. Schließlich kommt es sogar zur Versöhnung der Ehegatten, da Mrs. Cheveleys Plan, Lady Chiltern mit Hilfe des Briefes an Lord Goring der ehelichen Untreue zu verdächtigen, fehlgeschlagen war. Die wandlungsfähige Schauspielerin Celina Rongen lässt Lady Chiltern zuletzt jubeln: "Für uns beide beginnt jetzt das Leben!" 

Marco Storman übernimmt bei dieser insgesamt gelungenen Arbeit sehr deutlich die raffinierte Technik des französischen Intrigenstücks im Stil von Scribe und Sardou. Es werden Fallen gestellt, aus denen man wieder herauskommt. Verwechslungen und Missverständnisse werden auf die Spitze getrieben, Figuren gekonnt überzeichnet. Dies zeigt sich insbesondere bei Lord Goring, der von Felix Strobel als grotesker Dandy verkörpert wird. Gabor Biedermann brilliert ferner als ständig überforderter Sir Robert Chiltern, der nicht immer erfolgreich bluffen kann. Der Witz und die beissenden gesellschaftskritischen Aphorismen erreichen hier Gipfelpunkte. Christiane Roßbach fesselt als hinterlistige "Salonbestie" Mrs. Cheveley, Silvia Schwinger mimt eine exaltierte Mrs. Markby. Als Vicomte de Nanjac und Lord Gorings Diener Phipps gefällt Karl Leven Schroeder gleichermaßen. Seine Einlagen wirken gelegentlich sogar clownesk. 

Von den Hauptfiguren ist Lord Goring der auffälligste Repräsentant des Dandys - und wird von Felix Strobel auch so gespielt. Sven Prietz mimt fast stoisch seinen fulminant-fettleibigen Vater Lord Caversham, der seinen Sohn immer wieder zur Räson ruft: "Und wenn du nicht der ideale Mann für diese junge Dame bist, dann werde ich dich enterben." Und Sir Robert Chiltern stellt schließlich fest: "Außerdem, Gertrude, sind Öffentlichkeit und Privatleben zwei verschiedene Dinge..." In diesem Zusammenhang gewinnt auch diese Inszenierung ihr Spannungsfeld, denn es geht immer wieder etwas schief. Mrs. Cheveley resümiert: "Moral ist einfach eine Haltung, die wir Menschen gegenüber einnehmen, die wir nicht leiden können." Die sprachliche Kommunikation eskaliert dabei zu rebellischer Rhetorik. Das Markenzeichen Oscar Wildes kommt dabei grell zum Vorschein, der selbst wegen seiner Homosexualität ins Zuchthaus musste. 

Die deutsche Fassung von Elfriede Jelinek unterstreicht die provozierende Sprache Wildes mit einem zuweilen harten, unbarmherzigen Klang. Die Frage, ob ein Politiker ein idealer Mann ist, kann das Publikum hier selbst beantworten. Beim Schlussapplaus gab es "Bravo"-Rufe. 

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Herausgeber des Beitrags: theaterkompass.de

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