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Zeitgeistig -- "Der Menschenfeind" nach Molière im Düsseldorfer Schauspielhaus

Premiere am 25. Oktober 2025 Schauspielhaus, Großes Haus

Dagmar Kurtz 15.12.2025

von Dagmar Kurtz

Wer immerzu die ungeschminkte Wahrheit sagt, kommt im Leben nicht weit, wird zum Außenseiter. Diese Erfahrung muss Alceste der Titelheld in Molières gesellschafts­kritischer Komödie "Der Menschenfeind" ständig machen. Sein absoluter Gegenpart ist Célimène, die die Kunst der Täuschung perfekt beherrscht und in die er sich – trotz gegensätzlicher Ansichten - heftig verliebt hat. Aber auch ihre Taktik fliegt ihr letztendlich um die Ohren. Molières Stück spiegelt die am Hof Ludwig XIV. üblichen Gepflogenheiten des gesellschaftlichen Umgangs wider: die strenge Einhaltung der Etikette, auch in der Konversation, die sich sowohl durch Floskeln auszeichnet, aber auch ein Bonmot, Schlagfertigkeit und eine gelungene Reprise goutiert. Molière kritisiert die verlogenen Schmeicheleien, die Falschheit und das intrigante Verhalten. Alceste, der nichts als die Wahrheit sagt, hat es da nicht leicht und wird immer wieder vor Gericht gezogen, weil man sich durch seine Äußerungen beleidigt fühlt.

© Thomas Rabsch

Célimène dagegen hat sich angepasst und beherrscht das Lobgehudel aus dem Effeff. Jedoch neigt sie zum Lästern, was sie in vertraulichen Briefen ausführlich betreibt, hier zieht sie über die zuvor gelobten Eigenschaften ihrer Freunde her. Als diese Briefe öffentlich werden, wird auch sie geächtet. Vergebung würde sie vom ebenfalls geschmähten Alceste erhalten, aber seinen Vorschlag, in eine menschenleere Gegend zu ziehen, lehnt sie ab. 

Am Düsseldorfer Schauspielhaus ist jetzt Molières spritziges Stück in einer Fassung von Botho Strauß in der Regie von Sebastian Baumgarten zu sehen, der es mit Video und Musik temporeich und sehr zeitgeistig in die Gegenwart transferiert hat. So haben Bühnenbild und Kostüme rein gar nichts mit dem gepuderten Louis XIV.-Stil überein. Die Darsteller sind in schwarze Kostüme gekleidet, irgendwie zwischen Edelpunk und Gothic einzuordnen, vielleicht alle auf dem Weg in irgendeinen Club? Erstaunlich ist nur, dass sich alle siezen, unter jungen Menschen seit den frühen 1950er Jahren eigentlich nicht mehr angesagt.

Schon während des Einlasses ist man auf der Bühne tätig, eine Fassade wird mit Farbe nicht sehr professionell übermalt. Ein Sinnbild für die Tünche, die die gesellschaftlichen Konventionen ausmacht?Inhaltlich folgt Baumgartens Inszenierung im Wesentlichen Molières Vorgabe. Auch die "Dichterszene" findet ausführliche Beachtung. Diese behandelt den Topos des Schriftstellerbelagerns, um selbstverfasste Gedichte oder Texte vortragen und um Meinung und evtl. Protektion bitten zu können. In der Regel ist ein ungeschöntes Urteil nicht erwünscht. So haben auch hier Alcestes kritische Bemerkungen ein juristisches Nachspiel. Versteckt finden sich einige kurze Klassiker Zitate, u.a. aus Hamlets Friedhofsszene mit der angedeuteten Geste des Haltens von Yoricks Schädel. Aus der menschenleeren Gegend, in die es Alceste zieht, wird nicht etwa ein Kloster, ein Yoga-Retreat oder eine Hallig, sondern das Merzsche Sauerland.

Die erstaunliche Stammelakrobatik von Minna Wündrich um Céliemènes Sprachlosig­keit auszudrücken, ist etwas langatmig geraten und daher weniger lustig als vielleicht angedacht. Beim Witz ist Timing eben alles. Das Dilemma, ganz wahrhaftig zu sein und dennoch in der Gesellschaft akzeptiert zu werden, kann auch hier nicht gelöst werden. Jedoch gelingt es, dank überzeugender Besetzung die einzelnen Charaktere durchaus überzeugend zu kennzeichnen, allen voran Claudius Steffens, der den Alceste als ewiglich grollenden Nörgler hervorragend darstellt. An die zeitlich nicht richtig zu verortende, etwas düstere Szenerie mit comichaften Elementen muss man sich erst gewöhnen, steht sie doch im direkten Gegensatz zum ursprünglichen überbordenden barocken Salonambiente.

Für die ungewöhnliche Inszenierung gab es am Ende reichlich Applaus.

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Herausgeber des Beitrags: theaterkompass.de

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