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WIENER WALZER IN NEUEM GEWAND - Neue CD: Gottlieb Wallisch spielt Klaviermusik von Wilhelm Grosz Vol. 2 beim Label Grand Piano

April 2026

ALEXANDER WALTHER 03.04.2026

Der Wiener Pianist Gottlieb Wallisch setzt hier seine interessante musikalische Entdeckungsreise mit Klaviermusik von Wilhem Grosz fort. Der Name des aus Wien stammenden Wilhelm Grosz ist ein Synonym für künstlerische Vielseitigkeit. Spätromantik und Jazz werden dabei mit Tiefgang vereint.

Die Kleine Sonate op. 16 verbindet Prägnanz und Ausdruck. Im vierten Satz wird die dramatische Liebesbeziehung von Wilhelm Grosz zu Olga Schnitzler verarbeitet, die den Schriftsteller Arthur Schnitzler schließlich zur Ehescheidung bewegte. Die klassische Sonatenhauptsatzform zeigt sich dabei in D-Dur und in fast märchenhafter Art. Das zweite Thema erklingt in der Dominanttonart A-Dur wärmer und leicht wiegend. Das Achtel-Staccato-Motiv überrascht mit Esprit. Atemlos erscheint der zweite Satz als dahinjagendes Scherzo. Der Slow-Fox-Charakter macht sich stark bemerkbar. wird dann prägnant eingefangen.  

Monumental wirken dagegen die "Symphonischen Variationen über ein eigenes Thema op. 9", wo eine geradezu orchestrale und polyphone Klangwelt heraufbeschworen wird. Franz Schreker und die Wiener Moderne lassen grüßen. Kontrapunktische Spitzfindigkeiten gibt es hier zuhauf. Die in cis-Moll geschriebene Komposition zeigt Assoziationen zu Robert Schumanns Symphonischen Etüden op. 13. Auch die Symphonischen Variationen für Klavier und Orchester von Cesar Franck sind dabei herauszuhören. Wuchtige Akkorde herrschen vor, der "Langsame Satz" mit dem Trauermarsch in c-Moll verrät Anklänge an Gustav Mahler. Und im Finale wird die Struktur innerhalb der Variationen in raffinierter Weise aufgelöst. Wiener Walzer und Fugato ergänzen sich! 

Die "Three Pieces for Piano, op. 33" beweisen bei dieser einfühlsamen Aufnahme die Wandlungsfähigkeit von Grosz. Ein jazzartiges Scherzo und Reminiszenzen an das alte Wien stechen dabei besonders markant hervor. Das "Perpetuum mobile" als Schlusssatz reisst den Hörer unmittelbar mit, weil Gottlieb Wallisch ihn wirklich atemlos und höchst virtuos spielt. Man denkt auch an einen Groove voller rhythmischer Exzesse. 

Ein Kleinod sind bei dieser aufschlussreichen Weltersteinspielung die beiden ausgezeichneten Bearbeitungen von Johann-Strauss-Walzern. Es handelt sich dabei um den spritzig musizierten "Accellerationen Walzer" op. 234  sowie um den berühmten Walzer "An der schönen blauen Donau" op. 314, wo die Motive und thematischen Verarbeitungen in reizvoller Weise hervorleuchten. Das Leben des Juden Wilhelm Grosz zwischen Wien, Berlin, London und dem amerikanischen Exil wird hier sehr lebendig. Das Oeuvre von Grosz erstreckte sich auf nahezu alle musikalischen Gattungen zwischen Symphonik, Oper, Operette, Kammermusik, Lied, Kabarett, Bühnen-, Film- und Radiomusik (Funkoperette), Schlager sowie Werke für Klavier solo. Er wurde stark von Franz Schreker beeinflusst, war aber wirklich kein Epigone. Seine Werke beeindrucken aufgrund origineller Eigenständigkeit.  

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Herausgeber des Beitrags: theaterkompass.de

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