Unter der inspirierenden Leitung des griechischen Dirigenten Constantinos Carydis erklangen zunächst die kontrapunktisch ausgesprochen reizvollen drei archaischen Tänze für Orchester von Periklis Koukos. Hier überzeugte das SWR Symphonieorchester vor allem aufgrund seines Klangfarbenreichtums und großen rhythmischen Elans. Einzelne Sätze wie Parodos, Pyrrhichios und Dithyrambikon wirkten wie von Nietzsche inspiriert, wobei Constantinos Carydis als musikalischer Leiter auch am Klavier saß. Da wurden magische Klänge beschworen, die sich beim Hörer tief einprägten. Selbst Ansätze der Neoromantik beherrschten dieses Stück, das sich auf Koukos' Oper "Die Perser" nach Aischylos bezieht.
Die ausgezeichnete Geigerin Karen Gomyo war anschließend die einfühlsame und mitreissende Solistin bei Felix Mendelssohn Bartholdys Konzert für Violine und Orchester e-Moll op. 64, das er mit 35 Jahren schrieb. Bei der Abfassung des Soloparts machte er sich die praktischen Ratschläge des Geigers Ferdinand David zunutze, dem auch die Uraufführung anvertraut war. Das energiegeladene erste Thema in der Solovioline konnte sich beim ersten Satz Allegro molto appassionato voll entfalten. Lyrische Sangbarkeit betonte Karen Gomyo hervorragend. Die großzügige Fortspinnung dieses Themas mündete nach der kraftvollen Wiederholung im Orchester in einem markant musizierten Seitengedanken, der von leidenschaftlicher Unruhe geprägt war. Den Aufruhr besänftigte die Solovioline souverän - und ruhig stimmten die Holzbläser das zweite Thema an, das mit schlichter Harmonie beeindruckte. Die Geige kostete dank Karen Gomyo dieses Thema in bewegender Weise aus, bis sich das erste Thema wieder durchsetzte. Die Reprise gelang der Solistin ausgesprochen effektvoll. Feurig und fast ungezügelt beschloss die Coda den Satz, an den sich das Andante unmittelbar anschloss. Das erinnerte alles an ein ergreifendes "Lied ohne Worte". Die empfindungsvolle Seligkeit einer weitausgesponnenen Melodie entfaltete sich in wunderbarer Weise. Das glitzernde Finale fesselte die Zuhörer hier ebenfalls. Aus Sonaten- und Rondoform facettenreich gemischt, kreiste es vorwiegend um das knisternde Thema. Die Poesie mondbeglänzten Elfenzaubers machte sich betörend bemerkbar. Ritterliche Festlichkeit prägte das zweite Thema. Beseelte Gegenmelodien traten unter den funkelnden Eskapaden der Solovioline hervor, wobei Karen Gomyo ihre Violine hier wirklich singen ließ! Diese Vision wirkte auf das Publikum ergreifend.
Anschließend folgte eine ebenso überzeugende Wiedergabe der Sinfonie Nr. 4 A-Dur op. 90 ("Italienische") von Felix Mendelssohn Bartholdy. Sie ist das schöne künstlerische Resultat einer Reise: Im Jahre 1830 besuchte Mendelssohn Bartholdy Italien - und das Erlebnis des Südens gestaltete er zu unvergesslichem Klang, den Constantinos Carydis in der Liederhalle in berührender Weise beschwor. Da sprach gleich das erste unbeschwerte, sonnig-lichte Thema des Allegro vivace von jugendlicher Begeisterung. Strahlend schimmerte in den Klarinetten auch das zweite Thema, bevor es innigere Töne fand. Die Durchführung nutzte bei dieser Interpretation alle Möglichkeiten dieses Materials, das an den "Sommernachtstraum" erinnerte. Wie eine elegische Ballade hob der zweite Satz, Andante con moto, an, dunkel und sorgsam abgetönt in seiner Melodie. Eine freundliche Weise antwortete, aber die geheimnisvolle Elegie behauptete sich bis zum Schluss. Als anmutiger Tanz kam dann das Con moto moderato daher, dessen Mittelteil mit seinem Hörnerklang als träumerische Erinnerung an die deutsche Heimat erschien. Als temperamentvoller Saltarello überwältigte das Schluss-Presto. Italienische Ausgelassenheit im Stil der Tarantella triumphierte in atemloser Art! Der schwungvolle Satz mit der Kastagnetten-Imitation hielt sich eng an originale Volkstänze.
Zuletzt begeisterten die fünf griechischen Tänze für Streichorchester von Nikos Skalkottas, einem Schönberg-Schüler, der die Folkore seiner Heimat in rhythmisch eigensinnige Klangwelten tauchte. Er lotete die Möglichkeiten der Zwölftontechnik aus und gelangte zu einem individuellen Stil von großer Schlichtheit. Das spürte man dann auch bei der gelungenen Interpretation von Constantinos Carydis mit dem SWR Symphonieorchester, wo sich rhythmische Finessen und thematischer Reichtum in reizvoller Weise ergänzten. Motive und Sequenzen führten hier bei einzelnen Sätzen wie "Epirotikos", "Kretikos", "Tsamikos" oder "Arkadikos" ein erstaunliches Eigenleben. Insgesamt überzeugte dieses Werk noch mehr als die Komposition von Periklis Koukos.
Begeisterter Schlussapplaus im Beethovensaal.

