Auf Sylt führt Lütje Wesel als dubioser Spitzenkandidat einer "neoliberalen" Partei einen ausgesprochen ehrgeizigen und anspruchsvollen Wahlkampf. Die FDP-Ikonen Agnes Strack-Zimmermann und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger werden dabei ausdrücklich erwähnt. In der temporeichen Regie von Malena Große wachsen die Protagonisten manchmal über sich selbst hinaus. Aber manches wächst ihnen eben auch über den Kopf! Und daraus ergibt sich eine verzwickte Situationskomik, die sich nicht bremsen lässt.
Die Küstenmarathonstrecke steht dabei immer wieder im Zentrum. Auf dem Höhepunkt seines anstrengenden Wahlkampfs bricht der völlig überforderte Wesel allerdings zusammen. Sein Parteimentor Ole Hagenfels-Jefsen-Bohn und dessen schwangere Tochter Jagoda bringen ihn in eine seltsam-fragwürdige Privatklinik, wo er therapiert werden soll, ohne dass die Öffentlichkeit davon erfährt. Der ehemalige Chefarzt Dr. Bob verspricht eine rasche Genesung. Dabei steht seine überarbeitete Geburtshelferin Gesine im Mittelpunkt des Geschehens. Lütjes überanstrengter Körper soll für den aufreibenden Wahlkampf wieder fit gemacht werden. Die Praxis entpuppt sich dabei allerdings als ausrangiertes U-Boot, was die Turbulenzen dieser Komödie ganz erheblich steigert.
Bühne und Kostüme von Katharina Oleksina verstärken diesen turbulenten Eindruck - und die Musik von Hans Könnecke unterstreicht die satirischen Momente dieser atemlosen Inszenierung. Alles erinnert an eine FDP-Attrappe. "Ich ficke das Patriarchat!" lautet das hintersinnige Motto dieser kranken Gesellschaft, die dem Doping verfallen ist. Fragen drängen sich hier plötzlich auf, die natürlich nicht beantwortet werden. Was hat es mit den 283 Millionen auf sich, die der Spitzenkandidat einst als Mitbegründer und Erfinder von Jamba-Klingeltönen verdient hat? Die therapiesitzungsartigen Rückblicke werden von der Musik immer wieder in origineller Weise illustriert. Es kommt zu einer allgemeinen politischen Erschöpfungsdepression, die trotz mancher szenischer Schwächen insgesamt recht überzeugend dargestellt wird. Einig sind sich Ole, Jagoda und Lütje in ihrem Kampf gegen die Sozialdemokratie und in ihrem "neoliberalen" Menschenbild, das unterschütterlich zu sein scheint.
Krankheit wird im Sinne von Susan Sontag als störende Fehlfunktion wahrgenommen, die jedoch nicht zu beherrschen ist. So kommt es zum großen Blackout. Die weitere Frage drängt sich auf, wer eigentlich die Care-Arbeit für Alte und Kranke leistet. Auch hier sind es natürlich die Frauen, die das in überwiegender Weise tun. Die satirischen Grenzüberschreitungen im Text werden bei dieser Inszenierung konsequent auf die Darsteller übertragen. Andreas Guglielmetti als Spitzenkandidat des Ortsverbands Lütje Wesel vermag den etwas blassen Politiker durchaus plastisch darzustellen. Niklas Marian Müller überzeugt weitgehend als burschikoser Parteischatzmeister Ole Hagenfels-Jefsen-Bohn und Gilbert Mieroph ist als stellvertretende Vorsitzende und Tochter von Ole in einer dubiosen Frauenrolle zu sehen, aus der man nicht richtig schlau wird. Robi Tissi Graf als Entbindungshelferin Gesine sowie Insa Jebens als Dr. Bob komplettieren diesen Reigen der verrückten Selbstdarsteller und hoffnungslosen Neurotiker. "Bio-Politik" und die von Michel Foucault beschriebene groteske Verwaltung und Normierung von Körpern wird dabei ad absurdum geführt.
"Das Pipi-Problem" des inkontinenten Spitzenkandidaten Lütje Wesel tritt grell in den Vordergrund, die politische Bühne mutiert so zu einem peinlichen Schauplatz. Und die Entbindungshelferin Gesine kann laut eigenem Bekunden gegen Geld fremde Krankheiten übernehmen. So wird das Leck in der Praxis immer größer und das marode U-Boot scheint zu explodieren! Dr. Bob und Gesine wollen schließlich ein schwimmendes Armenkrankenhaus gründen. Dafür wollen sie das Geld aus Lütjes "Behandlung" verwenden. Als die anderen nur noch weg wollen, wird Lütje dann erneut inkontinent. Zuletzt dominieren die geplatzen Träume, denn das geheimnisvolle U-Boot bleibt in einem riesigen, magnetischen Geldberg stecken. Das "Prinzip Hoffnung" im Sinne Ernst Blocks scheint jedoch zu überwiegen.
Freundlicher Schlussapplaus für diese manchmal etwas chaotische, aber hintersinnige Inszenierung.

