Jossi Wieler und Sergio Morabito inszenieren dieses subtile Verwirrspiel sehr einfallsreich, konsequent und mit viel Einfühlungsvermögen. Der Handlungsraum ist hier eine von der Seele erträumte Landschaft. Es sind keine Pappmache-Kulissen, sondern Abbilder einer menschlichen Gesellschaft mit bezeichnenden Merkmalen. Allerdings existieren hier nicht die farbigen Kulissen eines anmutigen bukolischen Spiels, sondern eher der triste Alltag eines riesigen Wirtshauses, dessen Tische plötzlich umgestülpt werden. So wird das Oberste ins Gegenteil verkehrt, und auch das seelische Durcheinander lässt nicht lange auf sich warten. Als sich Amina dann nochmals nachtwandelnd zeigt und nach Elvino ruft, zweifelt plötzlich niemand mehr an ihrer Unschuld. Ein in Rodolfos Zimmer zurückgelassenes Tuch bringt Lisa selbst in den Verdacht jener Beziehungen, die sie Amina andichtete.
In dieser Inszenierung erwacht Amina dann aus ihrem Nachttraum - allerdings nicht in Elvinos Armen. Sie ist auf sich allein gestellt. Da kann man dann schon von sozialem Realismus sprechen, aber nicht im Sinne einer Biedermeier-Schmonzette. Das ist alles ernst und komisch zugleich. Und beim Regieduo Wieler/Morabito natürlich voller Hintersinn und feiner Ironie. Bühne und Kostüme von Anna Viebrock zeigen ein sehr weiträumiges Ambiente, das dem Seelenleben der Protagonisten entgegenkommt. Vlad Iftinca leitet das Staatsorchester Stuttgart feinnervig, sensibel und wenn nötig auch forsch und explosiv. Das chromatische Auskosten der Halbtöne sowie die unheimliche Kadenzverzögerung beim Gespenster-Chor blitzen grell auf. Da läuft es den schwatzenden Bauern dann wirklich kalt über den Rücken, als das Gespenst erscheint! Der D-Dur-Akkord mitten in Es-Dur sorgt dabei für Aufregung. Das alles wird bei der Aufführung ausgezeichnet gestaltet. Bellinis melodische Einfallskraft strahlt überall in reichem Maße hervor. Echte Wärme der Empfindung und strahlkräftige Spitzentöne zeigt die hervorragende Claudia Muschio als Amina, die ihre Koloraturpartie und die "fanfaretta" mit Arabesken, Girlanden, Figurationen und Verzierungen in grandioser Weise ausfüllt. Im Schlussrondo kulminiert diese große Kunst des Klangfarbenschleiers in einer überwältigenden Arie.
Dass Bellinis "La sonnambula" der Triumph des Prinzips der Arie ist, lassen auch die anderen Sänger deutlich werden. Adam Palka als Graf Rodolfo und Helene Schneiderman als Müllerin Teresa bieten sehr prägnante und überzeugende Charakterporträts. Zartheit und Lebendigkeit prägen hier die musikalische Entwicklung. Die Schäferpoesie der einleitenden Chöre wird vom fulminanten Staatsopernchor Stuttgart (Einstudierung: Bernhard Moncado) wieder einmal exzellent erfasst. Und nach der Tarantella mit dem gewitzten Blaskapellen-Charakter stimmt der Staatsopernchor sehr transparent die "Canzone" zu Ehren Aminas an: "In Elvezia non v'ha rosa". Und nach dem Orchesterpräludium erklingt plötzlich die "Banda", deren Steigerung wieder zu Piano zurückgeht. Vlad Iftinca legt bei seiner Interpretation auf elektrisierende Rhythmen und dynamische Kontraste großen Wert. In den beiden Duetten mit Elvino und Amina dominiert das jubelnde Glücksgefühl. Triller- und Laufketten markieren stets glanzvoll die zahlreichen musikalischen Höhepunkte. Träumerisch und sphärenhaft erklingt die schwebende Kantilene "Ah credea mirarti", die von Rossini besonders gelobt wurde. Und auch Richard Wagner äusserste sich ja sehr positiv über den begnadeten Melodiker Bellini.
Auch die allmählichen Vorbereitungen des Allegro-Charakters arbeitet Iftinca mit dem Ensemble plastisch heraus. Weite Natur-Räume entfalten sich in magischen Hornsexten. Als Elvino vermag aber auch Charles Sy mit ausgesprochen schlankem Tenor und gewaltiger Höhenlage zu begeistern, der den pathetischen Aufschwung der Cabaletta genau trifft. Das Aufleuchten der selbstverleugneten Liebe wird sehr gut getroffen. Als intrigante Wirtin Lisa zeichnet Catriona Smith ein ausgezeichnetes Charakterporträt - und auch Andrew Bogard als verliebter Bauer Alessio und Liebhaber Lisas fesselt mit sonorem Bass. Der expressive Klang dieser Musik bis hin zum gedämpften Schlag einer segnenden Glocke bei der leisen Freude des Chors wird immer wieder überzeugend erfasst. Ruben Mora als verschmitzter Notar und Sandy Liebehenschel als La Strige vervollständigen dieses exzellente Ensemble, das am Schluss laut bejubelt wird! Die magische Faszination der Stimme steht bei dieser preisgekrönten Inszenierung im Zentrum.


