Das triumphale Ende von Franco Alfano fehlt, auch wenn dies der eine oder andere bedauern mag. Breth glaubt nicht an eine glückliche Vereinigung von Turandot und Kalaf. Statt dessen hat die italienische Komponistin Lucia Ronchetti den Prolog "Io tacero" geschrieben, der als "Magma der Klage" das Publikum beeindruckt. Die Chöre dieses Prologs greifen auf fragmentierte Weise melodisches Material von Gesualdo auf. Gesualdos Ausruf "Io tacero" ist dabei ein verzweifeltes Schweigen, das sich chromatisch und kontrapunktisch äusserst differenziert auflöst. Die kontinuierliche Überlagerung der Schallwellen wirkt mit dem hervorragenden Chor der Oper Frankfurt überaus beeindruckend und bewegend. Der Kreisförmigkeit der klanglichen Bewegungen folgen kunstvolle harmonische Verästelungen.
Lius und Puccinis Tod scheinen die Fabel laut Ronchetti irgendwie zusammenbrechen zu lassen. Insofern passt dieses musikalische Konzept genau zur Inszenierung von Andrea Breth, die in ihrer Inszenierung auf die Gewalt eines terroristischen Staates hinweisen will. Dies unterstreichen außerdem das Bühnenbild von Johannes Leiacker sowie die Kostüme von Ursula Renzenbrink. Als Referenz für die Figur der Turandot habe sie Berichte über Kim Yo Yong gefunden, die jüngere Schwester des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un, die in ihrem Verhalten absolut undurchschaubar sei. Während das Volk bittere Armut leide, wirtschafte sie sich erfolgreich in die eigene Tasche. Und sie habe auch ein südkoreanisches Verbindungsbüro einfach in die Luft sprengen lassen. Andrea Breth denkt dabei an Hannah Arendts "Banalität des Bösen": "Und Turandot gleicht für mich einfach einer eiskalten Mörderin".
Was diese Inszenierung so berührend macht, sind aber auch die überaus kunstvoll eingewobenen Elemente des vom japanischen Stil beeinflussten No-Theaters. So erscheint Turandot nur mit Maske, ihr Gesicht sieht man nie. Diese Bewegungen lenken den Blick bei den Bewegungen auf die Hauptdarsteller. Das Maskenhafte dominiert. Das einzige Problem ist, dass man so Turandots Gemütsregungen kaum wahrnehmen kann. Ausgezeichnet hat die Regisseurin hier die Emotionen des Volkes zwischen Wut, Mitleid, Spott und Jubel nachgezeichnet. So kommt es zu einer radikalen Ritualisierung der Aktionen. Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester musiziert unter der einfühlsamen Leitung von Thomas Guggeis überaus präzis, schlank und beweglich, die exotischen Momente blitzen immer wieder hell auf. Die weitgespannten Chorszenen gelingen mit dem von Manuel Pujol exzellent einstudierten Chor und Extrachor der Oper Frankfurt sowie dem Kinderchor der Oper Frankfurt (Einstudierung: Alvaro Corral Matute) ausgesprochen eindrucksvoll.
Das Motiv Turandots wird bei deren Erscheinen facettenreich herausgemeisselt. Elza van den Heever verleiht Turandot bei ihren Kantilenen nicht nur strahlkräftige Schärfe in der Höhenlage. Ihr hohes C ist auch Ausdruck höchster Verzweiflung, wenn sie Kalaf als Ehemann ablehnt. Man spürt auch beim majestätischen Es-Dur-Klang, wie stark sie ihre Gefühle unter Kontrolle hält. Elza van den Heever findet die Handlung von "Turandot" laut eigenen Worten so brutal, dass sie es kaum ertrage, die Oper mit der gegenwärtigen Realität in Verbindung zu bringen. Das spürt man auch bei ihrer hervorragenden Gestaltung dieser Rolle. Alfred Kim ist ein sehr berührender Kalaf, der dynamische gesangliche Steigerungen klug aufbaut und auch bei der berühmten Arie "Nessun dorma" mit G-Dur-Aura eine durchdringende Wirkungskraft erzielt. Der Zauber des Belcanto entfaltet allen Glanz. Berührend gestaltet Guanqun Yu die Rolle der Liu als lyrische Sopranistin, deren Kantilenen mit Innigkeit und silbriger Höhe aufwarten. Dies gilt für die beiden Arien "Signore, ascolta" im ersten sowie "Tu che di gel sei cinta" im dritten Akt. Sehr gut werden hier die drei Minister Ping, Pang und Pong von Liviu Holender, Magnus Dietrich und Michael Porter dargestellt, die Andrea Breth als groteske Kafka-Figuren zeichnet, die keineswegs komödiantisch sein sollen. Für Andrea Breth sind sie dagegen die wichtigsten Repräsentanten des Terrorstaates.
In weiteren Rollen überzeugen Michael McCown als Kaiser Altoum, Erik van Heyningen als Mandarin, Jun Azuma, Tomoya Kawamura und Atsushi Takahashi als Leibwache der Turandot, Chloe Robbins, Emma Stannard als Dienerinnen der Turandot, Daniel Zambori, Riza Bedretdin als zwei Ministerialbeamte sowie Jakob Landmann als Knabe. Das Unisono des vollen Orchesters gelingt Thomas Guggeis mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester voller Intensität. Das fulminante Crescendo gipfelt in drei monumentalen Gongschlägen, die aber keineswegs aufgesetzt wirken. Schmerzhaft schildert Andrea Breth, wie die Wachen vor dem Palast das Volk zurückdrängen - und diesen tiefen Schmerz hört man auch in der Musik. Die eindringlich klagend-absteigende Melodie des Largo sostenuto meisselt sich beim Zuhörer ins Gedächtnis! Ausdrucksvolle Violinen, lichte Holzbläser und gebrochene Harfenakkorde kennzeichnen bei Guggeis den sphärenhaften Puccini-Sound. Vor allem aber hört man in der Musik auch die geradezu dämonische Maskenhaftigkeit heraus, die er mit unheimlicher Intensität akzentuiert. Der Henkerchor "Ungi arrotta" und die Ostinato-Passagen gewinnen große Ausdruckskraft.
Großer Jubel des Publikums bei dieser sehenswerten Aufführung!


