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ENERGIE ZWISCHEN SOUNDFLÄCHEN -- Hessisches Staatsballett mit "Corps de Walk" im Forum am Schlosspark LUDWIGSBURG

am 1. März 2026

ALEXANDER WALTHER 02.03.2026

Erotik der Massen, ekstatische Körper, Flanieren, Schreiten, körperliche Brüche und hautenge Bodys bilden in dieser faszinierenden Choreografie des israelischen Duos Sharon Eyal und Gai Behar eine Einheit. Beide haben auch die Kostüme entworfen. "Corps de Walk" nennt sich dieses rund einstündige Stück mit der abwechslungsreichen Musik von Ori Lichtik. Um Erotik und Verführung geht es hier in der Tat - schon der erste Schritt öffnet dort ein Universum.

© Hessisches Staatsballett

Dieses Erlebnis schreibt sich tatsächlich in den Körper ein, hinterlässt tiefe Spuren. "Corps" verweist auf den Körper und zugleich auf das "Corps de ballet". "Walk" deutet dagegen auf etwas Alltägliches und Banales hin. Im Gehen liegt bei dieser suggestiven Choreografie die ganze Arbeit, in jedem Schritt die größte Ausdruckskraft. Dieses hypnotische tänzerische Universum lässt das Publikum nicht kalt. Es wippt rhythmisch mit. Sharon Eyals Werke haben den zeitgenössischen Tanz nicht umsonst stark geprägt. Tanz geht dabei über die Bewegung hinaus, es werden kollektive Emotionen hervorgerufen und existenzielle Erfahrungen vermittelt. Die Tänzer werden von einer geheimen Energie gelenkt, reagieren subtil auf die einfühlsame Musik, alles wird zum Schwingen gebracht. So entsteht eine elektrisierende Spannung zwischen Einheit und Abweichung. Gefärbte Haare lassen die Tänzerinnen und Tänzer manchmal sogar wie geheimnisvolle Reptilien erscheinen. 

Die Musik von Ori Lichtik verstärkt die Bühnensprache des Stücks sehr stark. In den Soundflächen werden naturhafte Geräuschkulissen mit synthetischen und elektronischen Beats verbunden. Elemente aus dem Industrial- und Techno-Genre entführen das Publikum in eine beklemmende Klanglandschaft. Hypnotische Gruppendynamik gehört zu den großen Pluspunkten und Vorzügen dieser ungewöhnlichen Choreografie. Die Gruppen bewegen sich fast immer unisono. Es gibt aber trotzdem keine durchorganisierte Strenge, obwohl das Ballett laut eigener Aussage des Teams manchmal auch etwas "Faschistisches" besitzt. 

Das betont auch Olivia Ancona, die die choreografische Einstudierung von "Corps de Walk" verantwortet. Sie arbeitet das Material schrittweise durch und zerlegt die verschiedenen Ebenen, aus denen jedes Stück besteht. Das Material wird dabei in Schichten vermittelt. Es geht dabei um die Bewegungen im Zusammenhang mit den Zählzeiten. Sharons Werke erfordern also eine intensive Konzentration und Präsenz, was man im Forum am Schlosspark spüren konnte. Das erinnert auch an eine "Partitur", bei der alles festgelegt ist. Zählzeiten und Bewegungen füren dann in imponierender Weise zum großen Ganzen. 

"Corps de Walk" ist streng komponiert und besticht durch fließende Lebendigkeit. Die Wiederholung von Bewegungen wirkt wie ein Mantra, so entsteht kollektives Atmen. Und die Bühne wird zu einem Spiegel der Welt. Dem Bedürfnis nach Nähe folgt der Drang, Teil von etwas Größerem zu sein. So beginnt außerdem die Suche nach der tänzerischen Wahrhaftigkeit. Das Echo von Schritten und Blicken fesselt den Betrachter. Klänge und Körper verbinden die Menschen, werden zu einem visuellen Rausch.       

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Herausgeber des Beitrags: theaterkompass.de

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