Aus dem Wohltemperierten Clavier Band 1 von Johann Sebastian Bach interpretierte er zunächst Präludium und Fuge Nr. 1 in C-Dur BWV 846 mit untrüglichem Gespür für formale Klarheit und klare Linienführung. Der harmonische Wechsel von Takt zu Takt gelang ihm hier sehr überzeugend. Auch die Arpeggienfiguren der Akkorde und die reizvolle Chromatisierung hinterließen tiefe Eindrücke. Die elegische Poesie von Präludium und Fuge Nr. 8 in es-Moll BWV 853 kam ebenfalls nicht zu kurz. Sanglicheit und träumerische Stimmungsfülle gingen Hand in Hand. Die zweiteilige Aria mit kurzer Coda verfehlte so ihre unmittelbare Wirkung nicht. Präludium und Fuge Nr. 4 cis-Moll BWV 849 zeigte ebenfalls einen erstaunlichen klangarblichen Reichtum. Diese leidenschaftliche Passionsmusik beeindruckte das Publikum in der tiefsinnigen Interpretation Gavrilovs zutiefst. Ekstatische Passagen steigerten sich zu einem intensiven Klangbild. Bei Präludium und Fuge Nr. 12 in f-Moll KV 857 faszinierte wiederum die von einer Sechzehntel-Figuration umspielte Melodie, die immer mehr die Oberhand gewann. Verhaltenheit und große gedankliche Tiefe kennzeichneten dann die Interpretation von Präludium und Fuge h-Moll BWV 869, wo zwei imitierenden Stimmen über einem gleichmäßig schreitenden Achtel-Bass ineinander verschränkt waren.
Robust und höchst eindringlich wirkte dann die suggestive Wiedergabe von Modest Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung". Die marschartige Promenade wurde in ihrer Melancholie genau getroffen - gerade auch im reizvollen Wechsel von Fünfviertel- und Sechsvierteltakt. Pentatonisches Hauptmotiv und modulatorische Rückungen fesselten hier die Zuhörer. Das groteske Bild eines Zwerges zeigte sich dann charakteristisch in "Gnomus". Die schweren Schritte (pesante) zeichnete Andrei Gavrilov sehr akzentuiert nach. Bei "Das alte Schloss" entstand das seltsame Bild eines Troubadours, der zu einem ostinanten Bass auf Gis sein Lied geheimnisvoll anstimmte. Mussorgskys Lieder "Aus der Kinderstube" klangen in den "Tuilerien" an, wo man die spielenden Kinder auf der Allee voller Leichtigkeit wahrnahm. Bei "Bydlo" rauschte der Ochsenkarren fast monumental heran. Staccati, Vorschläge und Trillerketten triumphierten beim "Ballett der Küchlein in ihren Eierschalen". Die unterschiedlichen Charaktere der beiden Juden wurden von Gavrilov daraufhin sehr markant nachgezeichnet. Die keifenden Weiber bei "Der Marktplatz in Limoges" erfuhren eine facettenreiche dynamische Steigerung. Schwere Akkorde beherrschten die gewaltigen "Katakomben". Eine dissonante Fermate dominierte bei dieser seltsamen harmonischen Verbindung, der Gavrilov fast traumwandlerisch nachlauschte. Grandios interpretierte er "Die Hütte der Baba Yaga" mit atemlos-rasanten Rhythmen und Akzenten, wobei der unglaubliche Ritt der Hexe aus der russischen Volkssage geschildert wurde. Eine gewaltig-prasselnde Oktavenpassage leitete zum letzten Stück "Das große Tor von Kiew" über, wo der bewegend-feierliche nationale Hymnus durch eine berührende Choralweise mit kühner Harmonie abgelöst wurde.
Nicht minder faszinierend war zuletzt die wild-ungestüme Interpretation von Sergei Prokofjews Sonate Nr. 8 in B-Dur op. 84, wo Andrei Gavrilov insbesondere die dynamischen Kontraste ins Gigantische ausweitete und auch die melodischen Aspekte nicht vernachlässigte. Vor allem oberflächliche Motorik trat gelegentlich stark zugunsten eines weniger expressionistischen Geistes zurück. Themen und Motive wurden glutvoll herausgemeisselt, erreichten immer wieder Siedegrade! Das war vor allem im Finale der Fall, wo die Harmonik geradezu explodierte. Die Dur-Atmosphäre dieser so genannten "Kriegssonate" (wie sie zusammen mit der sechsten und siebten Sonate genannt wurde) bewies zuweilen auch eine stark spirituelle Haltung. Laut Gavrilov zeigt sich darin auch der innere Schmerz von Prokofjew. Der fieberhaften Chromatik des ersten Satzes wurde er in ausgezeichneter Weise gerecht. Das lyrische Andante gipfelte dann in einer bewegenden Coda. Neben ungestüm-sarkastischen Kontrastpassagen dominierte außerdem die lyrische Linie.
Viele "Bravo"-Rufe und Jubel!


