Tatjana ist eine selbstbewusste Frau geworden und hat geheiratet. Onegin versucht, sie zurückzugewinnen, doch sie weist ihm die Tür - mit den Tränen kämpfend. Zuvor hat er noch seinen Rivalen Lenski im Duell erschossen. Die Musik von Kurt-Heinz Stolze verwendet keine Ausschnitte aus Peter Tschaikowskys Oper "Eugen Onegin", sondern Tschaikowskys Klavierkompositionen sowie den Zyklus "Die Jahreszeiten". Auch die Oper "Oxanas Launen" mit zwei Arien, einem Chor und einigen Instrumentalnummern spielt eine Rolle.
Im reizvollen Pas de deux von Tatjana und Onegin im ersten Akt ist ein Duett aus "Romeo und Julia" zu hören. Der Mittelsatz der symphonischen Dichtung "Francesca da Rimini" zeichnet den Pas de deux im dritten Akt nach. Und die großen Tanznummern wie Walzer, Mazurka und Polonaise sind hier überwiegend aus Klavierkompositionen entstanden. Es ist allerdings immer nur die Musik von Tschaikowsky zu hören. Die leitmotivische Verknüpfung der Themen werden dabei tänzerisch ausgezeichnet umgesetzt!
Interessant ist, dass im opulenten Bühnenbild von Jürgen Rose vor allem Tatjana im Mittelpunkt steht. Aus einzelnen Stücken entstehen hier größere formale Abschnitte. Zu häufige Tutti-Wirkungen werden vermieden, Stolze möchte nicht zu sehr von Tschaikowskys Originalmusik abweichen. Die Tänzerinnen und Tänzer haben trotzdem immer wieder genügend Freiraum. Dies zeigt sich insbesondere am Schluss, als Elisa Badenes als phänomenale Tatjana und Friedemann Vogel als Onegin sich in wilder Verzweiflung endgültig trennen. Da spürt man ebenfalls, wie sehr Tatjana die Handlungsfäden steuert. Ein Höhepunkt der gesamten Aufführung! Als Olga fesselt ferner Abigail Willson-Heisel, die mit Onegin beim großen Walzer bei Madame Larina flirtet. Gabriel Figueredo kann als Lenski seine Verzweiflung darüber tänzerisch wunderbar ausdrücken. In weiteren Rollen überzeugen Jason Reilly als Fürst Gremin, Sonia Santiago als Madame Larina sowie Magdalena Dziegielewska als Amme.
Das Corps de ballet gefällt nicht nur bei den großen Ballszenen, sondern auch aufgrund reicher Charakterisierungskunst. Beim Gremin-Pas-de-deux erkennt Onegin seinen großen Fehler - ein weiterer zentraler Punkt dieser außergewöhnlichen Choreografie und Inszenierung, die so ganz die persönliche Handschrift von John Cranko trägt. Die originelle Thematik dieser Musik findet in der gelungenen tänzerischen Umsetzung hier ihre beglückende Entsprechung. Neben kantablen Passagen betören pathetisch-triumphale visuelle Eindrücke, wozu die pompöse Ausstattung nicht nur bei den Palast-Szenen beiträgt. Die unheimliche Duell-Atmosphäre im Mondlicht wird ebenfalls plastisch verdeutlicht. Das Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von Wolfgang Heinz gestaltet nicht nur die einzelnen Motive und chromatischen Passagen der Musik überaus eindrucksvoll. Pantomime und getanzte Bewegung werden hier glücklich integriert. Hinzu kommt eine neuartige Bewegungssprache. Der große Wandspiegel in Tatjanas Schlafzimmer lässt sie ihr eigenes Ich erschauen. Onegins dämonischer Auftritt durch diesen Spiegel bleibt als starker Eindruck im Gedächtnis des Zuschauers zurück.
Am Ende Riesenjubel für das gesamte Team!


