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THEATER UND RELIGIOSITÄT VEREINT - Premiere "Dialogues des Carmélites" von Francis Poulenc in der Staatsoper STUTTGART

am 29.3.2026

ALEXANDER WALTHER 30.03.2026

Eine junge Frau mit dem Namen Blanche zur Zeit der Französischen Revolution findet in Francis Poulencs 1957 an der Mailänder Scala uraufgeführten Oper "Dialogues des Carmélites" keinen Platz in der Welt. Deswegen möchte sie in das Kloster der Karmelitinnen eintreten. Sie spricht mit der alten und kranken Priorin Madame de Croissy, die kurze Zeit später unter großen Qualen stirbt. Mère Marie wird dann zur neuen Priorin gewählt. Sie schlägt den Schwestern vor, das Märtyrerinnengelübde abzulegen.

© Matthias Baus

Die zunächst ganz in die moderne Zeit verlegte Inszenierung von Ewelina Marciniak (Bühne: Mirek Kaczmarek) verzichtet ganz bewusst auf Nonnenkostüme. Man kann sich natürlich darüber streiten, ob dies eine ideale Lösung ist. Nicht die Schwestern im Konvent erscheinen als uniformierte Gemeinschaft, sondern die Gesellschaft um sie herum. Ein Beamter löst die Ordensgemeinschaft schließlich auf, und die Inszenierung gewinnt jetzt auch an visueller Qualität. Gegenstände werden heraus- und hereingetragen. Man sieht eine riesige Skulptur, die von Personen mit historischen Kostümen um das Jahr 1793 umringt wird. Die Ordensschwestern begegnen plötzlich der Feministin Olympe de Gouges und Königin Marie Antoinette, die beide im Jahre 1793 unter der Guillotine starben. 

Das sind eigentlich die stärksten Bilder dieser Aufführung, die manchmal auch szenische Schwächen hat. So dominiert hier plötzlich eine fesselnde Reise durch die Zeit. Mère Marie sucht Blanche auf, die in das verwüstete Haus ihrer Familie geflohen ist. Die Schwestern haben die Nacht im Gefängnis verbracht, dann verliest der Kerkermeister das Todesurteil. Der Schluss gelingt bei dieser Inszenierung ungeheuer beeindruckend: Die Ordensschwestern gehen in den Tod, während sie das Salve Regina singen. Mit jedem Schlag der Guillotine verstummt eine Stimme in ihrem Chor. Als nur noch Constance übrig ist, taucht Blanche auf einmal aus der Menge auf. Erlöst folgt sie ihren Schwestern als Letzte zum Schafott. 

Eine zum Musizieren vorgetragene Guillotine wurde für die Stuttgarter Produktion angefertigt. Man spürt übrigens auch in der Personenführung, dass die Regisseurin Ewelina Marciniak im Schauspiel ihre Wurzeln hat. Und die Kostüme von Julia Kornacka unterstreichen die Zeitlosigkeit des Geschehens passend. Das vom Komponisten stammende Libretto hat seinen Ursprung im Drama von Georges Bernanos und der Novelle "Die Letzte am Schafott" von Gertrud von Le Fort. Ein großer musikalischer Höhepunkt ist das von Evelyn Herlitzius grandios dargestellte qualvolle Sterben der Priorin Madame de Croissy, deren Todesangst bei den Worten "peur de la mort" von gewaltigen Tamtam-Schlägen im Orchester begleitet wird. Die Todesangst Christi spielt in Poulencs glutvoller Musik eine überragende Rolle. 

Rachael Wilson singt Blanche de la Force hervorragend mit strahlkräftiger Höhe und tragfähigem Timbre. Ihr innerer Seelenkampf bleibt so immer nachvollziehbar. Die Frauen in ihrem direkten Umfeld verleihen auch ihrem Agieren eine enorme Dynamik. Simone Schneider verkörpert ferner ganz ausgezeichnet Madame Lidoine, die eine Verkörperung reiner Fürsorge ist. Sie vergibt sogar Mere Marie, die gegen sie intrigiert und von Diana Haller klangfarbenreich dargestellt wird. Das große Martyrium dieser Frauen wird in den "Oh"- und "Ah"-Rufen des Staatsopernchors Stuttgart höchst eindrucksvoll deutlich, der von Manuel Pujol sorgfältig einstudiert worden ist. Cornelius Meister demonstriert mit dem Staatsorchester Stuttgart an diesem Abend einmal mehr, wie unsentimental und geistreich Poulencs Musik auch bei diesem wichtigen Werk ist. Nicht umsonst wurde der Komponist als "Mönch und Lausbub" bezeichnet. Er war gläubiger Katholik, was man gerade am Ende dieser Oper besonders ergreifend spürt. 

Als Soeur Constance begeistert aber auch Claudia Muschio, die ihren exaltierten Kantilenen eine elektrisierende Kraft verleiht. Helene Schneiderman fesselt als Mere Jeanne mit reifer Charakterisierungskunst, während Catriona Smith als Soeur Mathilde in den Dialogen ebenfalls brilliert. Shigeo Ishino ist ein markanter Le Marquis de la Force - und Cameron Becker überzeugt als Le Chevalier de la Force ebenfalls mit sonorer Gestaltungskraft. In weiteren Rollen gefallen Torsten Hofmann als Beichtvater, Joseph Tancredi als 1. Kommissar, Jacobo Ochoa als 1. Offizier, 2. Kommissar und Kerkermeister sowie Jaewoung Lee als Thierry und Dr. Javelinot. In polyphoner Reinheit erklingt der Chor der Karmelitinnen mit Isolde Daum, Elisabeth von Stritzky, Anna Matyuschenko, Imogen Thirlwall, Elisabeth Auerbach, Simone Jackel, Lena Spohn, Cristina Otey, Margret Hauser, Lucy Williams und Jie Zhang. 

Hinzu kommen die Tänzerinnen als Karmelitinnen und die Statisterie der Staatsoper mit Olympe de Gouges, Marie Antoinette, Mädchen, Begleiter Chevalier und Offizier. Expressionistische Klangformen und betonte Problemlosigkeit des Neoklassizismus stellt Cornelius Meister als Dirigent des Staatsorchesters Stuttgart sehr überzeugend heraus. Melodische Intensität sticht hier ebenfalls immer wieder leuchtend hervor, wobei sich das Orchester in leidenschaftlicher Weise mit den Gesangsstimmen verbindet. Nach Milhauds Worten knüpft Poulencs Musik an die Tradition von Mozart und Scarlatti an. Das Frische und Natürliche verbindet sich mit Melancholie und kluger Sensibilität, was man auch bei diesem Werk unter Meisters kompetenter Leitung deutlich heraushört. Bitonalität, Motorik und Wendung zur Groteske melden sich wiederholt. Aber auch monumentale Erhabenheit und gewaltige dynamische Kontraste haben hier Platz. Zuletzt überwiegend großer 

Jubel für alle Beteiligten!

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Herausgeber des Beitrags: theaterkompass.de

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