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SUCHE NACH DEM UR-KOSMOS – Premiere "Augen/Blicke" mit dem Stuttgarter Ballett im Opernhaus STUTTGART

am 6.3.2026

ALEXANDER WALTHER 07.03.2026

"Ich schließe meine Augen, um zu sehen", sagte Paul Gauguin. Die Vergänglichkeit des Lebens steht bei diesen drei Werken im Mittelpunkt. Alles in "Shut Eye" sei auf Flüchtigkeit ausgerichtet, meinen die einfallsreichen Choreografen Sol Leon und Paul Lightfoot. Das Stadium zwischen Wachsein und Schlafen wird hier tänzerisch in faszinierender Weise erforscht.

© Stuttgarter Ballett

Im Hintergrund sieht man einen fahlen Mond, der die Szenerie beherrscht. Die sensible Arbeit wurde von den Arbeiten des US-amerikanischen Illustrators Edward Gorey beeinflusst. Aus einer Vielzahl von Strichen werden verschiedene Bildebenen geschaffen, die Figuren bilden eine intensive Gemeinschaft, die an diesem Abend fast den stärksten Eindruck hinterlässt. Zwischen Traum und realer Welt gibt es dabei viele differenzierte Verbindungen, die tänzerisch sehr gut ausgelotet werden. Die suggestive Musik von Olafur Arnalds (unter anderem Nocturne in c-Moll und cis-Moll) und Bryce Dessner ("Aheym")  unterstützt das fast filmische Geschehen einfühlsam. Die Substanz der intensiven Musik von Frederic Chopin wird hier zuweilen leidenschaftlich drängend umgesetzt. Lichteffekte unterstreichen die visuellen Erlebnisse  höchst nuancenreich. Die Tänzerinnen und Tänzer Friedemann Vogel, Elisa Badenes, Fabio Adorisio, Riccardo Ferlito, Anton Tcherny, Peter Hull, Christopher Kunzelmann und Mizuki Amemiya erschaffen eine ganz eigene Bewegungswelt. 

Die italienische Choreografin Vittoria Girelli fasziniert, wie nach dem Urknall Ordnung entsteht. Ihr facettenreiches Stück "Vermilion" ist von der Mythologie inspiriert. Das Chaos lichtet sich zur Musik von Beethovens vierter und siebter Sinfonie geheimnisvoll, die Leere wird gefüllt. Das Staatsorchester Stuttgart unter der impulsiven Leitung von Wolfgang Heinz schafft dabei grandiose dynamische Kontraste. Zu Beginn erschüttern die gewaltigen Dissonanzen von Davidson Jaconellos Auftragskomposition. Klassische und zeitgenössische Musik werden von den Tänzern des Stuttgarter Balletts erlebbar gemacht. Die Suche nach einem Weg zwischen Leere und Leben sowie Chaos und Kosmos beginnt. Mit dem Bühnen- und Lichtdesigner Tom Visser hat Vittoria Girelli eine gewaltige Ur-Atmosphäre mit riesigen Gesteinsbrocken in Szene gesetzt, die an Kometen erinnern. Und das Unbelebte setzt sich fließend in Bewegung. Das gilt außerdem für die fantasievollen Kostüme von Maria Girelli. Tatkräftige Energie beherrscht dabei Beethovens vierte Sinfonie in B-Dur, die die Tänzer in konzentrierten Bewegungen immer wieder unterstreichen. Ein ausgelassener Schwung betont die thematische Arbeit. Kühne und besinnliche Momente stehen dicht beieinander. Träumerische Verhangenheit fehlt ebenfalls nicht. Dynamische Eigenwilligkeiten ergeben sich wie von selbst. Phänomene der Tier-, Pflanzen- und Mineralwelt bleiben spürbar. Mann und Frau erwachen zum Leben. Diese Metamorphose schildert eindringlich die Entwicklung vom leblosen Stein zum lebendigen Menschen. Das Allegretto von Beethovens siebter Sinfonie in A-Dur passt dazu hervorragend. Die klagende Trauermarsch-Melodie wirkt beschwörend. Mild-innig und leidenschaftlich drohend behaupten sich hier die suggestiven tänzerischen Bewegungen. Hehre Melancholie beherrscht das Geschehen. 

"Within the Golden Hour" von Christopher Wheeldon lässt die untergehende Sonne erscheinen, die in unheimlicher Weise den Himmel verfärbt. Die Vergänglichkeit des Tanzes und des Lebens wird dabei ebenfalls in eindringlicher Weise beleuchtet. Al-fresco-Figurationen untermalen graziös Antonio Vivaldis Violinkonzert in B-Dur RV 593. Das Andante wird genüsslich ausgekostet. Höhepunkte sind die reizvollen Pizzicato-Passagen des Light Hearts Pas de deux (Diana Ionesco, Henrik Erikson), Dreamers Pas de deux (Abigail Willson-Heisel, Satchel Tanner) sowie Lovers Pas de deux (Anna Osadcenko, Marti Paixa). Da wachsen Gegensätze ganz zusammen und ergänzen sich in tänzerisch vielfältiger Weise. Sieben Paare begegnen sich hier bei Sonnenuntergang. Auch dabei entstehen starke Bilder, die sich beim Zuschauer tief einprägen. Der Körper wird maximal benutzt und eingesetzt - auch bei den Schritten, die wie geschlendert aussehen. Das Geschehen spricht das Publikum direkt an. Die magische Welt der Magie und Märchen setzt sich durch. Alles ist von den Gemälden Gustav Klimts inspiriert. Der Modedesigner Zac Posen hat sich übrigens von den auf Klimt verweisenden Gold-Applikationen der vorherigen Kostüme von Jasper Conran getrennt. Die intensiven Farben des Sonnenuntergangs passen zudem zur nuancenreichen Musik von Ezio Bosso. Erinnerungen verschmelzen in den schwelgerischen Schönheiten des Kosmos. Zur Solo-Viola von Madeleine Przybyl und zu den Einlagen des Solo-Cellos von Jan Pas gibt es ausdrucksvolle Passagen, die das intensive rhythmische Geschehen präzisieren (Konzertmeisterin: Yoerae Kim). 

Eine Sternstunde des Stuttgarter Balletts. Jubel des Publikums im voll besetzten Opernhaus. 

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Herausgeber des Beitrags: theaterkompass.de

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