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STÜRMISCH UND SPHÄRENHAFT -- Klavierabend Yulianna Avdeeva im Ordenssaal bei den Schlossfestspielen LUDWIGSBURG

am 9. Juli 2026

Geschrieben von ALEXANDER WALTHER

Die russische Pianistin Yulianna Avdeeva gewann die Goldmedaille beim Chopin-Wettbewerb. Doch auch als Bach- und Beethoven-Interpretin kann sie überzeugen. Dies bewies sie gleich zu Beginn bei der sehr präzis und einfühlsam gespielten Chromatischen Fantasie und Fuge d-Moll BWV 903 von Johann Sebastian Bach, wo insbesondere die thematischen Zusammenhänge in reizvoller Weise aufblitzten.

© Ludwigsburger Schlossfestspiele

Der Zauber von Form und Erfindung sprudelte bei dieser reifen Interpretation nur so hervor. Der ausschweifende Gebrauch der Chromatik stach faszinierend heraus! Enharmonik und kühne Vorhalts- und Durchgangsbildungen schufen hier ein geradezu bewegend-aufwühlendes Klangbild, die Harmonik erweiterte sich ins Endlose. Schon der toccatenartige Auftakt überzeugte mit Energie - und der Arpeggiensatz fesselte den Hörer aufgrund dissonierender Harmonien. Vor allem der nach innen gewandte Ausdrucksstil fiel bei Yulianna Avdeevas Interpretation in beeindruckender Weise auf. Das Thema der Fuge füllte die d-Moll-Aura bis zur kleinen Septime gewaltig aus. In der Durchführung erschien dieses machtvolle Thema acht Mal - und wich bis nach h-Moll aus, um über g-Moll und A-Dur in die Haupttonart zurückzukehren. Innere dynamische Spannungen arbeitete Yulianna Avdeeva bei dieser Wiedergabe hervorragend heraus. Das donnernde Forte prägte sich beim Hörer tief ein. 

Und auch die Interpretation von Ludwig van Beethovens Fantasie für Klavier op. 77 bestach in ihrer Wiedergabe aufgrund der machtvollen Klarheit und Präzision des Anschlags.  Insbesondere der improvisatorische Charakter trat leuchtend hervor. Die abwärts stürzende Moll-Skala in Zweiunddreissigsteln riss den Hörer sofort mit. Diese forsche Presto-Skala behauptete sich dabei mit Nachdruck. Nach dem geheimnisvollen h-Moll kam eine sphärenhaft-entrückte Melodie in H-Dur zum Vorschein, die die Pianistin mit variationsreichen Klangschleiern ergänzte. 

Kämpferisch interpretierte sie dann die Klaviersonate Nr. 23 f-Moll op. 57 "Appassionata" von Ludwig van Beethoven. Man hat hier sogar Verbindungen zu Shakespeares "Macbeth" und "Sturm" gesucht, was bei dieser stürmischen Wiedergabe nicht abwegig ist. Fahl und schemenhaft tauchte sogleich das Hauptthema auf, verstärkt durch den Spaltklang eines Unisono im Abstand von zwei Oktaven. Die Größe und Schönheit dieses Themas arbeitete die Pianistin ausgezeichnet heraus. Die Erscheinung des Themas in ungewissem Ritardando wirkte auch eindrucksvoll - und plötzlich brach im Forte das Schicksalsthema mit der stürmischen Sechzehntelpassage hervor, die wilde und ungezügelte Akkorde folgen ließ. Yulianna Avdeeva unterstrich hier den Eindruck der Atemlosigkeit keineswegs übertrieben, sondern sehr glaubwürdig. Der rasante Zwölfachtel-Rhythmus trieb das harmonische Geschehen in geradezu unerbittlicher Weise weiter an! Die sanft wogenden As-Dur-Harmonien schufen eine überaus beseligende Atmosphäre. Energisch spielte sie die Durchführung. Der zweite Satz. Andante con moto in Des-Dur, erinnerte an eine feierliche Prozession - aber das Pathos wurde nicht übertrieben. Das magische Glühen des Klangbilds imponierte insbesondere bei den Variationen. Die wirbelnde Sechzehntelbewegung des Finales riss die Hörer bei Yulianna Avdeevas Interpretation unmittelbar mit. Alles gipfelte in einer grandiosen Presto-Coda, deren sprunghafte Entwicklung sie minuziös nachzeichnete. Fortissimo-Schlägen folgte ein scharf rhythmisiertes Achtel-Staccato - und die wieder einsetzende Sechzehntelbewegung stürzte ins Bodenlose hinab! 

Zum Abschluss folgten dann in einer großartigen Wiedergabe die zwölf Etüden für Klavier op. 25 von Frederic Chopin. Hier verblüffte die Pianistin mit einer stupenden Anschlagstechnik, die die Geheimnisse des Klangmagiers Chopin lüftete. Die Poesie der ersten As-Dur-Etüde kam wunderbar zum Vorschein, sprach den Hörer unmittelbar an. Die Klänge einer Äolsharfe waren hier nachvollziehbar. Harmonische Nuancen traten trotz aller Leggerezza des Anschlags leuchtkräftig und markant hervor. Als zartes Pastellbild gefiel die zweite f-Moll-Etüde, und auch die spielerische Eleganz der dritten F-Dur-Etüde kam nicht zu kurz. Die wunderbare Differenzierung der rhythmischen Details blitzte wiederum im Wechsel der Anschlagsarten bei der vierten a-Moll-Etüde auf. Orchestral und pathetisch trat der Scherzo-Charakter bei der fünften e-Moll-Etüde hervor. Die Pianistin betonte den Charakterisierungsreichtum dieser Musik in exzellenter Weise! Der Zauber der Terzen-Etüde in gis-Moll entfaltete sich ebenfalls mit voller Eleganz. Die Leichtigkeit und Präzision der Trillerfiguren und Skalen wirkten bei Yulianna Avdeeva wahrhaft überwältigend. Die bedeutende Etüde Nr. 11 in a-Moll begeisterte mit dem vierstimmigen Marschmotiv sowie einem sturmartigen Rhythmus, der sich ständig zu steigern schien. Assoziationen zur berühmten "Revolutionsetüde" traten hervor. Und die an einen Ozean erinnernden Arpeggien der zwölften Etüde in c-Moll schwollen zu einem heroisch-wogenden Gesang an. 

Jubel, Ovationen, Begeisterung und eine Chopin-Zugabe. 

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