"Jede Ferien verließen wir unseren Pariser Vorort und fuhren in die Bretagne, die Heimat meines Vaters, wo er geboren worden war, genau wie sein Vater - und dessen Vater vor ihm." Der Vater steht in diesem Buch im Mittelpunkt. Er wird von vielen Seiten aus betrachtet, erhält mehrere Gesichter. Aber ganz anders als bei Franz Kafka. Er ist eine greifbare Figur, die von der Tochter auch geliebt wird. Die Autorin widmet sich hier dem bretonischen Zweig ihrer Familie.
Alles beginnt mit einem Stapel vielversprechender Hefte. Es sind handschriftliche Erinnerungen ihres Großvaters. Nach dem Welterfolg von "Die Postkarte" will Anne Berest jetzt die bewegende Geschichte ihrer bretonischen Familie erkunden. Doch ihr Vater erkrankt schwer. Die Recherche bekommt so eine ganz andere Richtung. Die deutsche Besatzung eines Dorfes im Leon und die Zerstörung der Stadt Brest werden aufwühlend geschildert. Der Höhepunkt dieses Romans ist dann am Schluss, da kommt es zu rhetorischen Glanzpunkten, der Vater wird von der Tochter geradezu verklärt: "Ich habe es geliebt, dass du mir Spitznamen gegeben hast, als ich klein war. Ich habe es geliebt, wie du meine Mutter geliebt hast. Ich habe deinen intellektuellen Anspruch geliebt, auch wenn ich ihn oft für Verachtung mir gegenüber hielt, doch da habe ich mich getäuscht. Ich habe es geliebt, dass du nicht so viel mit mir gesprochen hast..."
Und zuletzt resümiert die Tochter in berührender Weise: "Ich werde nie erfahren, was du an mir geliebt hast. Und ich habe mich immer gefragt, wie sehr du mich liebtest. Tatsächlich habe ich nicht die leiseste Ahnung. Das Leben ist sehr viel uninteressanter ohne dich". In der Tat hinterlässt dieser ungewöhnliche Roman hier ein großes Fragezeichen. Das Vater-Rätsel kann nicht gelöst werden.
Außerdem thematisiert Anne Berest das Leben der Revolutionären Kommunistischen Jugend und der Kommunistischen Partei sowie "Mein Leben" von Leo Trotzki. Da heißt es: "Die Jukebox krächzte ein trauriges Lied. Zwei gespenstische Gestalten, Leo Trotzki mit einem Eispickel im Kopf und Rosa Luxemburg im tropfenden Kleid der Wasserleiche, tanzten einen Slowfox für diese vor Hoffnung strotzenden Burschen..." Das Motto lautet: "Zehn Jahre Gaullismus sind zu viel, ein Jahr Linksextremismus auch". Selbst die berühmte Heimfahrt des Griechenhelden Odysseus wird einmal erwähnt.
Lesenswert.


