Theaterkompass.de Logo

Rachegelüste -- "Il Trovatore" von Giuseppe Verdi in der Deutschen Oper am Rhein

Juli 2026

Geschrieben von Dagmar Kurtz

Ein Haus ohne Wände, einsam kragen Türstürze ohne Türen empor, begrenzen allein die Zimmer im Puppenstubenformat. Eine Drehbühne gibt Einblick in die diversen Zimmer. Hinter einem Minischreibtisch "thront" reichlich unbequem Graf Luna, der Troubadour Manrico quetscht sich hinter sein Keyboard.

© Sandra Then

 In der überquellenden Pekariats-Küche steht prominent ein Kühlschrank mit Magnet-befestigten Postkarten. In seinem Tiefkühlfach bewahrt Azucena die verkohlten Knochenreste ihres Sohnes in einem schwarzen Müllbeutel auf, während das Minibad vorwiegend von Ines benutzt wird. Das Wohnzimmer mit Fake-Kaminfeuer und Pseudo-Biedermeiermöbeln wird kaum genutzt, nur von den Ensemblemitgliedern die auf ihren Auftritt warten. Zwei Schlafzimmer deuten auf gesellschaftliche Unterschiede hin: das französische Bett gehört natürlich dem Grafen, die enge Schlafstätte Manrico. Wie eine riesige Flutwelle drückt sich dann und wann der Chor in diese Wohnlandschaft, alle räumlichen Grenzen missachtend. Ein Kinderdoppelportrait im idyllisch-realistischen Stil zieht alle Aufmerksamkeit auch sich und mahnt Luna fortwährend, die Suche nach seinem verlorenen Bruder nicht aufzugeben, gleichzeitig auf den Ursprung der fatalen Geschehnisse in Verdis Oper "Il Trovatore" hindeutend, die jetzt in der Deutschen Oper am Rhein Premiere feierte. 

Jens-Daniel Herzog versucht darin ein großes Thema unserer Zeit, die Einsamkeit, zu behandeln. Die Zimmer sollen "Einsamkeitsinseln" darstellen. Somit erklärt sich auch die erstaunliche Distanziertheit der Personen, die allzu oft vereinzelt stehen und eher nebeneinander her agieren als Bezug in Mimik und Gestik Bezug aufeinander zu nehmen und wie leer in weite Ferne blicken. Damit verrennt er sich so ziemlich in seinem Regieansatz, weil das nicht das große Thema dieser Oper ist, sondern Rache und die damit einhergehenden Effekte und Affekte, Resultate von Vorurteilen und der Diskriminierung einer Randgruppe. Daneben ist es eine Geschichte von Liebe, Eifersucht, Rivalität, Schuld und ganz am Rande auch einem Bürgerkrieg. Also große Emotionen pur. Mit seinen Problemen bleibt in der Tat jeder allein, auch mangelt es an vernünftiger Kommunikation, aber das allein spricht nicht für die Konzentration auf Einsamkeitsgefühle.

Hintergrundinformationen zur Handlungsgeschichte liefert eine mentekelartig erscheinende Schriftprojektion auf die Bühnenrückwand:

Einst beschuldigte der Vater des Grafen Luna eine Gitana schuld an der Erkrankung eines seiner beiden Söhne zu sein und lässt sie auf dem Scheiterhaufen verbrennen. Diese fordert zuvor noch ihre Tochter Azucena auf, ihren Tod zu rächen. Azucena entführt daraufhin Garcia, eines der Geschwister. Sie will ihn verbrennen. Versehentlich wirft sie aber ihr eigenes Kind ins Feuer und zieht dann Garcia als ihren Sohn mit Namen Manrico auf. Der alte Graf glaubt nicht an den Tod seines Kindes und fordert Luna auf, nach seinem verlorenen Bruder zu suchen, was zu dessen Lebensaufgabe wird. Und auch der Rachegedanke gärt immer noch in Azucena.

In der eigentlichen Bühnenhandlung verstärken sich diese Problemfelder noch durch neue Verwicklungen: die politische Gegnerschaft von Luna und Manrico, die Rivalität in der Liebe zu Leonora, Duell und Bürgerkrieg.

"Il Trovatore" ist aber nicht nur eine schaurige Familientragödie, sondern zeigt auch, welch schreckliche Folge Aberglaube und eine vorurteilsbehaftete Verfolgung hat. Verdi und seine Librettisten bedienen sich hier des Klischees, das Roma und Sinti früher anhaftete, nämlich nicht nur Wahrsager, sondern auch Kindsentführer zu sein.

Jens-Daniel Herzog belässt es nicht bei dem bloßen Erwähnen der Vorgeschichte, sondern zeigt auch die Verbrennung von Azucenas Mutter, hier nicht auf einem Scheiterhaufen, sondern in einem Ölfass. Ein weiterer Zusatz ist neben der erwähnten Requisite des Ölbildes, die Einführung von zwei weiß gewandeten Kleinkindern, die sich anmutig über die Bühne bewegen. Wozu das gut sein soll, erklärt sich nicht so ganz, es sei denn, er wollte den Geist der frühen kindlichen Geschwisterliebe heraufbeschwören oder sich ganz einfach den unweigerlichen Publikumsbonus für Kinderauftritte einholen.

Der Ansatz der Einsamkeitsthese verfängt nicht und wird dem kompliziertem Beziehungs- und Emotionsgeflecht der Oper nicht gerecht. Auch das Bühnenbild, das wohl die Bedrängnis, in der sich die Personen befinden, symbolisieren soll, erinnert dank seines Stilmixes eher an nicht entsorgten Sperrmüll und nicht an zwei unterschiedliche Gesellschaftsklassen.

Die Düsseldorfer Symphoniker unter der Leitung von Antonino Fogliani musizierten im Sinne Verdis hervorragend, bis auf wenige Stellen, die etwas geringere Lautstärke vertragen hätten. Die Inszenierung von Jens-Daniel Herzog ist letztendlich doch hörenswert, was sie ganz allein der überragenden Leistung der Sängerinnen und Sänger verdankt, die stimmlich schlichtweg grandios waren. Ein wirklicher Genuss war es, der wunderbar timbrierten Ramona Zaharia zuzuhören, die als Azucena die eigentliche Hauptperson der Oper ist und die ihre Rolle Donatella-artig präsentierte.

Die gesangliche und musikalische Leistung belohnte das Publikum zu Recht mit enthusiastischem Beifall.

Musikalische Leitung: Antonino Fogliani

Inszenierung: Jens-Daniel Herzog

Bühne und Kostüm: Johannes Schütz

Mitarbeit Kostümbild: Wicke Naujoks

Chorleitung: Albert Horne

Licht: Volker Weinhart

Dramaturgie: Katie Campbell

Graf von Luna: Bogdan Baciu

Leonora: Luiza Fatyol

Azucen: Ramona Zaharia

Manrico: Irakli Kakhidze

Ferrando: Bogdan Taloș

Ines:. Mara Guseynova

Ruiz: Henry Ross

Ein alter Gitano: Hyunseok Lee

Ein Bote: Alcides Bravo

Chor der Deutschen Oper am Rhein

Düsseldorfer Symphoniker

Teile den Beitrag auf

Background image of the page