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STATISCHE KLÄNGE VOLLER SPANNUNG -- 1. Sinfoniekonzert des Staatsorchesters Stuttgart in der LiederhalleSTATISCHE KLÄNGE VOLLER SPANNUNG -- 1. Sinfoniekonzert des Staatsorchesters...STATISCHE KLÄNGE VOLLER...

STATISCHE KLÄNGE VOLLER SPANNUNG -- 1. Sinfoniekonzert des Staatsorchesters Stuttgart in der Liederhalle

am 27. Oktober 2024 im Beethovensaal

Von traditioneller Musik beeinflusste zeitgenössische Werke waren im Beethovensaal der Liederhalle beim 1. Sinfoniekonzert des Staatsorchesters Stuttgart zu hören. Zunächst erklang "Largo und Allegro" für Streicher, Klavier und Pauken aus dem Jahree 1963 des in Georgien geborenen Komponisten Giya Kancheli, der von Komponisten wie Alfred Schnittke und Dimitri Schostakowitsch beeinflusst ist. Seine Musik ist wie eine dahingleitende Zeit der Endlosigkeit.

Auch bei "Largo und Allegro" herrscht eine Intensität der Melancholie vor, die die  in China geborene neuseeländische Dirigentin Tianyi Lu mit dem Staatsorchester Stuttgart minuziös herausarbeitete. Spiritualität und Einflüsse des Kirchengesangs waren immer wieder versteckt herauszuhören. Musik erwuchs hier wirklich aus der Stille. Der seelische Zustand wurde zum Gedankenstrom. Ebenso war eine Nähe zu Bartok und Strawinsky im Allegro-Satz spürbar. Die intensive Innerlichkeit des Largo verband sich mit bedrohlichen Klängen. Im Allegro gab es ebenso Assoziationen zu Martinu. Tianyi Lu achtete auf suggestive Durchsichtigkeit des Klangbilds.

Musiker des Babylon Orchestra musizierten zusammen mit dem Staatsorchester Stuttgart anschließend die Uraufführung von "the order of time" des armenischen Komponisten Mischa Tangian für großes Orchester und Solistengruppe mit traditionellen Instrumenten (1924) als Auftragswerk der Staatsoper Stuttgart. Tangian ist "Composer in Focus". Bei diesem spektakulären Werk geht es um die Energie der physikalischen Prozesse, die hier äusserst spannungsvoll umgesetzt werden. Roshanak Rafani (persische Perkussion), Sara Hasti (Kamantsche), Azin Zahedi (Santur) und Peter Somos (Schlagwerk) ließen die elektrisierenden Momente dieser ständig in Bewegung befindlichen Harmonik grell aufblitzen. Strom, Magnetismus, Wärme und Licht wurden in erregende Klangflächen umgesetzt, die sich zunehmend verdichteten. Zusätzliche "Gravitationsfelder" wurden immer wieder neu erkundet, da kam nie Langeweile auf, es blieb immer höchst spannend. Die Melancholie wird hier mit Hilfe der persischen Tonskala vermittelt.  Entwicklung und Aufbau eines Atoms blieben so auch aufgrund monumentaler Blechbläsereinsätze nachvollziehbar. Aus kleinen musikalischen Motiven und perkussiven Schlägen entwickelte sich ein faszinierender Klangkosmos. Einzelne Sätze wie "Nucleus. Uranium", "Grains of Matter. Gravitational Fields", "The Death of Newton", "Chain Reaction" und "Residuals of Waves. Radiation" beschrieben eine fast galaktische Atmosphäre. Es geht in diesem Werk auch um die tragische Geschichte des jüdischen Wissenschaftlers Robert Oppenheimer, der in den USA in Sicherheit vor dem Faschismus weiter über die Atome und die Kernspaltung forschte. Fast spätromantisch-ausladende Klanglandschaften beschrieben das Geschehen bis zum Zustand nach dem Abwurf einer Atombombe. Glissandi und statische Klänge verbanden sich dabei mit einem unheimlichen Ostinato-Rhythmus. Um den Kern kreisten die Elektronen, was indische Rhythmen subtil verdeutlichten. Die persische Perkussion von Roshanak Rafani war geprägt von virtuosen Finger- und Handschlägen auf das Trommelfell, während das Schlagwerk von Peter Somos durch Schläge von Stöcken, Filz- und Holzschlägeln auf Klangstäbe  und - objekte bestimmt wurde.  Asiatische Musik und europäische Klänge vermischten sich  mit einer expressiven Klangsprache.

Zum Abschluss gab es dann als mitreissenden Kontrast die von Johannes Brahms beeinflussten "Slawischen Tänze" von Antonin Dvorak zu hören, deren dynamische Spannung sich bei dieser Interpretation unter Tianyi Lu immer weiter steigerte.  Das Staatsorchester Stuttgart interpretierte diese brillanten Stilisierungen böhmischer Tänze insgesamt ausgezeichnet. Da kamen die Weisen manchmal gemessen und ländlerartig, dann wieder ungestüm wie Polka und Furiant daher. Die dreiteilige Form wurde glasklar herausgearbeitet. Im Tanz op. 46 Nr. 2 imitierte Dvorak fast ironisch eine Dumka, was das Staatsorchester sehr gut betonte. Die Strahlkraft des Tanzes op. 46 Nr. 1  in C-Dur ging nicht unter.  Einen grandiosen Eindruck hinterließ die Zugabe eines rhythmisch unglaublich expressiven Stücks der syrischen Komponistin Dima Orsho.

Jubel, Beifallsstürme!
 

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