In der Leipziger Thomaskirche lässt Halubek die großen romantischen Bearbeitungen der Bachschen Werke auf der gewaltigen Sauer-Orgel (1889/1908) lebendig werden. Besondere Intensität erreicht diese Interpretation auch deswegen, weil Bach hier selbst wirkte. Halubek konzentriert sich bei dieser wichtigen Einspielung bewusst auf die Bearbeitungen von Karl Straube, der um das Jahr 1900 Bachs Orgelmusik für die Spätromantik öffnete. Manual- und Registerwechsel sind hier besonders reizvoll. Zudem erklingen auf diesem Album auch die berühmten Goldberg-Variationen BWV 988 auf der 2020 erbauten Bach-Orgel in der Dreieinigkeitskirche Regensburg. Halubek spielt diese Variationen in seiner eigenen und sehr transparenten Übertragung für Orgel, wo der Zauber der Klangfarben triumphiert.
Neben Wilhelm Middelschultes graziöser Chaconne fasziniert auf der ersten CD vor allem auch Max Regers monumentale Fantasie und Fuge BWV 903, wo die sensible harmonische Grundierung des choralen und liedhaften Melos in bewegender Weise hervorsticht. Klassische und polyphone Fundamente werden hier gleichsam erneuert. Die bis zur Auflösung tonaler Kadenzierung spürbare "Tristan"-Chromatik wird in feinnerviger Weise betont. Aus der filigranen Suite Nr. 3 in D-Dur von Siegfried Karg-Elert ist noch die "Air celebre" zu hören, deren harmonische Strukturen ebenfalls weiträumig musiziert werden.
Die zweite CD wird dann ganz von Jörg Halubeks eigener Bearbeitung der Bachschen "Goldberg-Variationen" beherrscht. Klangfarben werden dabei im Sinne der großen Orgel in kunstvoller Weise entwickelt. Diese 32 Variationen laden laut Halubek zu facettenreichen Registerkombinationen ein. Beeinflusst ist diese Version außerdem von Georg Friedrich Kauffmanns "Harmonischer Seelenlust" aus dem Jahre 1733, dem häufigen Gebrauch der Vox humana, lückenhaften Registrierungen, dem Grundkonzept nur einer Grundstimme pro Fusstonlage und der häufigen Verwendung von 16-Registrierungen in filigranen Sätzen. Das Werk wurde von Johann Sebastian Bach für den kränkelnden Grafen Hermann Carl von Keyserling geschrieben, der oft schlaflose Nächte hatte und sich wohl damit beruhigen wollte. Das Thema ist eine Aria im ruhigen Dreiviertelrhythmus einer Sarabande. Diese zart empfundene und reich verzierte Melodie trifft Jörg Halubek bei dieser Einspielung genau. Die Verarbeitung des Basses mit der Harmonik gelingt eindrucksvoll. Eine gewisse Nähe zur Orgel-Passacaglia ist nicht zu leugnen. Jede dritte Variation ist hier ein zweistimmiger Kanon über freiem Bass und in steigenden Intervallen. Halubek betont zudem die dynamischen Kontraste des Werkes.
Charakterstücke wie Siciliano, Fughetta, lyrisches Andante oder pathetisches Adagio erreichen auf dieser CD eine ungewöhnliche Intensität und Ausdruckskraft, die nicht nachlässt. Sprünge, Doppeltriller und Akkorde weisen bei der Bearbeitung schon in die romantische Zeit. Der Zauber der 16. Variation mit ihren punktierten Rhythmen im Stil der französischen Ouvertüre besticht mit der dreistimmigen Fughetta aufgrund einer brillanten Darbietung. Und die 26. Variation fasziniert mit der feierlich schreitenden Melodie in ihrer Nähe zu Georg Friedrich Händel. Triller und Doppeltriller bestechen mit leuchtender Klarheit, alles klingt wie in einen geheimnisvollen Nebelschleier eingehüllt. In lyrischer Schönheit endet die Aria beim letzten 32. Stück. Halubek ist den Leipziger Klanglandschaften in besonderer Weise auf der Spur, deswegen kann man diese Einspielung sehr empfehlen.


