In diesem Band erzählt Gisele Pelicot ihre erschütternde Geschichte. Sie lässt dabei ihre schwierige Kindheit und die erste Liebe Revue passieren. Auch Mutterschaft und Karriere werden ausführlich behandelt. Immer wieder bleibt der Leser fassungslos zurück: "Und so war ich gezwungen, den Rest meines Lebens in Gedanken mit diesem Januskopf zu verbringen, der mal um mich weint und mich dann wieder auf schleichende Weise umbringt."
Zusammen mit ihrer Co-Autorin Judith Perrignon bringt Gisele Pelicot die Sache immer wieder auf den Punkt. Sie berichtet präzis davon, wie sie nach Bekanntwerden der Taten ihres Ex-Mannes den Boden unter den Füßen verlor. Dennoch ist sie nicht daran zerbrochen. "Ich möchte sagen, dass man tatsächlich aus seiner eigenen Asche wiedergeboren werden kann, dass meine Lebensfreude zurückgekehrt ist, dass ich Jean-Loup liebe und das Grab seiner Frau mit Blumen schmücke, denn nie wird die Gegenwart das Vergangene zum Verschwinden bringen".
Seitdem gilt Gisele Pelicot als Vorreiterin im Kampf gegen Gewalt an Frauen. Sie wurde mehrfach zur bedeutendsten Person des Jahres 2024 gewählt - unter anderem vom "TIME Magazine". Außerdem erhielt sie in Frankreich den Verdienstorden der Ehrenlegion. Pelicot betont hier aber auch, wie wichtig ihr die Familie ist: "Familie - ich liebe dieses Wort, sie ist Schauplatz meiner Dramen und zugleich meine Heilstätte." Und weiter heißt es: "Und immer werden meine Kinder und Enkel, die ich sehr vermisse, ihren Mittelpunkt bilden, wie ich es mir in meiner Jugend vom Leben erhofft hatte. Diese Geschichte ist auch ihre Geschichte". Als Leser spürt man, wie stark Gisele Pelicot von ihrer Familie geprägt wurde, wie sehr sie unter ihr gelitten hat, dass diese Familie aber auch ein großes Gefängnis für sie war, aus dem sie sich erst befreien musste.
Das macht dieses Buch lesenswert. Der Untertitel "Die Scham muss die Seite wechseln" gewinnt dadurch seinen Hintersinn. "Ich sollte endlich einsehen, dass es sich nicht mehr um meinen Mann handelte, sondern um einen gefährlichen Verbrecher", so Gisele Pelicot weiter. Die tragische Liebesgeschichte von Gisele und Dominique erreicht hier ihren Höhepunkt. Gleichzeitig erhält das Buch einen tröstlichen Schluss: "Ich möchte sagen, dass ich am Leben bin. Dass ich an die Liebe glaube, an sie glauben muss. Ich habe sie von meinen Eltern erhalten, im Übermaß, wenn auch nur für kurze Zeit, und war lange der Meinung, sie könne alle und alles retten." Man erhält in diesem Buch aber auch interessante Einblicke in die französische Gesellschaft. Hier brodeln schwere Konflikte unter einer angeblich reibungslosen Oberfläche.


