Wer Gadd auch witzig findet, ist Martha, die plötzlich täglich an der Bar herumhängt: etwa Mitte 40, sagt, sie sei eine super busy Anwältin, die die politische Elite des Landes berate und Besitzerin mehrerer Immobilien in London. Andererseits hat sie Zeit im Überfluss, nicht einmal Geld für Tee und kramt im Müll nach brauchbaren Dingen. Und sie ist gekommen, um zu bleiben. Sie verpasst Gadd den Kosenamen „Reindeer“ nach ihrem Kuscheltier – Red Flag! –, sie bombardiert ihn mit sexuell expliziten Nachrichten – Red Flag! –, sie sitzt lautstark in jeder seiner Shows, sie behauptet, sie seien ein Paar, sie belästigt seine Eltern, sie geht seine Freundin an. Sie ist einfach überall und immer da. Und sie macht das alles nicht zum ersten Mal. Red Flag! Soweit so klar, oder? Mitnichten.
Denn Gadd genießt zeitweise die Aufmerksamkeit Marthas, befeuert sie sogar. Seine Freundin Teri – Transfrau, genderfluid, politisch aktiv, Super-Brain (aber wie kommt man einer solchen Person schon mit Schubladen bei?) – lädt er an seinem Geburtstag aus, um Martha nicht zu verärgern. Die Polizei, an die sich Gadd in zunehmender Not wendet, findet die Vorwürfe nicht belastbar genug, um einzugreifen. Hat er ihr nicht ebenfalls anzügliche Nachrichten geschickt? Und als Gadd versucht, Martha eine Falle zu stellen, steht er plötzlich selbst als Täter da.
Der schottische Schauspieler und Comedian Richard Gadd hat mit Baby Reindeer seine persönliche Geschichte aufgeschrieben. Die auf ihr beruhende Netflix-Serie traf einen Nerv und hat ihn über Nacht berühmt gemacht. In einer Welt, in der wir uns verzweifelt nach Gewissheiten, nach klaren Zuordnungen sehnen, durchkreuzt dieses Solo für einen mutigen Schauspieler gewohnte Sichtweisen und treibt uns, unerbittlich und bisweilen sehr komisch, in moralisch vermintes Gebiet …
- übersetzt von Karen Witthuhn
- Regie: Albrecht Schroeder
- Mit: Victor IJdens
- Ort: Schauspielhaus
- Premiere: 31.10.2026
Empfohen wird ein Vorstellungsbesuch von Rentierbaby ab einem Alter von 16 Jahren.


