Zunächst spielte das SWR Symphonieorchester unter der einfühlsamen Leitung von Francois-Xavier Roth "Oracle" für Violine und 12 Orchestergruppen des französischen Komponisten Philippe Manoury. Es handelte sich bei dieser Uraufführung um einen Kompositionsauftrag des SWR, des Rotterdams Philharmonisch Orkest und des Orchestre National de Lille. Die versierte Geigerin Isabelle Faust kämpfte hier virtuos mit den Orchestergruppen, was spannend anzuhören war. Die harmonische Erweiterung ist bei diesem Werk bemerkenswert. Instrumente befinden sich nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Zuschauerraum. Intervalle und Glissandi beherrschen dabei das Violinspiel, das Isabelle Faust virtuos auskostete. Und die subtilen Unisono-Passagen im Orchester passten sich diesem einfühlsamen Spiel an. Staccato-Momente und chromatische Passagen gingen bei dieser Interpretation fließend ineinander über. Isabelle Faust wurde an diesem Abend Trägerin des Wortes "Oracle", das musikalisch Wirklichkeit wurde und plötzlich für den Hörer Welten öffnete. Einflüsse von Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen und Iannis Xenakis waren deutlich herauszuhören. Die raffinierte räumliche Nutzung der Akustik stand stets im Mittelpunkt. Gruppen, Massen- und Scharenbewegungen schwirrten durch den Saal. Das Tonmaterial erreichte eine suggestive Wirkungskraft. Klangfarben und Tonhöhe verbanden sich magisch. Das Material verdichtete sich bis in seine äussersten Verästelungen! Auch die Eigenstädigkeit der Rhythmik wurde immer wieder passend betont. Als Zugabe war noch ein reizvolles Duo von Luciano Berio zu hören.
Dann folgte eine mit zügigen Tempi aufwartende Interpretation der sinfonischen Dichtung "Ein Heldenleben" op. 40 von Richard Strauss. In diesem Bekenntniswerk stellt sich der Komponist selbst in den Mittelpunkt. Mit sechs Untertiteln charakterisiert Strauss die einzelnen Hauptabschnitte seiner Tondichtung. Francois-Xavier Roth sorgte als Dirigent des prachtvoll musizierenden SWR Symphonieorchesters immer wieder für leidenschaftlich fließende Übergänge. Lebensfreude und Schöpferkraft ergänzten sich so gegenseitig in überschwänglicher Weise. Und auch die Detailgenauigkeit in der Behandlung der einzelnen Orchesterinstrumente kam nicht zu kurz. Der erste lebhaft bewegte Teil mit dem Titel "Der Held" bestach hier mit einem kraftvoll gespielten Thema. Der kurze Allegrosatz wurde mit hinreissendem Schwung und großen dynamischen Steigerungen interpretiert. Das Fortissimo des gesamten Orchesters prägte sich tief ein. Das bis zur Groteske gesteigerte Scherzando kennzeichnete dann den zweiten Abschnitt "Des Helden Widersacher", das Francois-Xavier Roth mit dem SWR Symphonieorchester facettenreich auslotete. Die Musikkritiker meckerten, schimpften und pfiffen unverschämt dazwischen! Da wurden im Orchester alle satirischen Register gezogen. Das Heldenthema machte diesen lächerlichen Schießbudenfiguren den Garaus. Mit überaus ausdrucksvollen gesanglichen Melodiebögen und schwelgerisch-erotischer Emphase charakterisierte dann Jermolaj Albiker (Violinsolo) den Abschnitt "Des Helden Gefährtin". Da wirkte überhaupt nichts sentimental, sondern wirklich ergreifend. Die aus der Ferne fast gespenstisch herüberklingenden Trompeten markierten den "Kampf mit den Widersachern", der im Durchführungsteil in gewaltiger Weise ausuferte. Wild aufpeitschende Rhythmen ließen den Helden nur umso siegreicher aus dieser ohrenbetäubenden Schlacht hervorgehen! "Des Helden Friedenswerke" ließ bei dieser Interpretation die Motive aus Strauss' wichtigsten früheren Werken schemenhaft aufleuchten. Themen aus "Don Juan", "Macbeth", "Till Eulenspiegel", "Tod und Verklärung", "Also sprach Zarathustra" bis hin zu "Don Quixote" und den Liedern wurden in bewegender Weise aufgegriffen. Ein berührendes Thema im Englischhorn beschrieb als letzten Abschnitt "Des Helden Weltflucht und Vollendung". Manchmal wären ein behutsameres Innehalten sowie langsamere Tempi wünschenswert gewesen - und doch gelang es Francois-Xavier Roth immer wieder, die magische Wirkungskraft dieser innerlich bewegten Musik in ausgezeichneter Weise zu betonen.
Am Ende viele "Bravo"-Rufe im Beethovensaal.

