Logo of theaterkompass.de
HomeBeiträge
MIT STARKEM AUSDRUCK -- Ballett "Troja" im Forum am Schlosspark LUDWIGSBURGMIT STARKEM AUSDRUCK -- Ballett "Troja" im Forum am Schlosspark LUDWIGSBURGMIT STARKEM AUSDRUCK --...

MIT STARKEM AUSDRUCK -- Ballett "Troja" im Forum am Schlosspark LUDWIGSBURG

am 13.10.2024

Ausgehend von Euripides' Tragödie "Die Troerinnen" stellt der griechische Choreograf Andonis Foniadakis die Thematik des Krieges ins Zentrum dieses Ballettabends, den er für das Ballett des Staatstheaters am Gärtnerplatz geschaffen hat. Sein "Troja" handelt vom Preis, den Menschen für bewaffnete Konflikte zahlen müssen. Und die Arbeit stellt an die Tänzerinnen und Tänzer hohe technische Anforderungen.

Copyright: Forum am Schlosspark Ludwigsburg

Egoistische Zerstörungswut wirkt sich hier auf die Individuen fatal aus. Die Verletzlichen und Schwachen werden an den Rand gedrängt. Foniadakis erweitert den Blick dabei auf zeitgenössische Auseinandersetzungen, die in elektrisierender Weise dargestellt und verdeutlicht werden. Ein stark dynamischer und mit enormer Energie daherkommender Tanz reisst die Zuschauer mit, manches erinnert an seine Arbeiten für Gauthier Dance. Hinzu kommt die suggestive, fast hypnotische Musik von Arvo Pärt, Bryce Dessner und Julien Tarride.

Männer und Frauen erscheinen hier als klare geometrische Figuren, die fallen, zusammenbrechen, einander berühren und auch nacheinander greifen. Die Bühne von Sakis Birbilis und die luftig-leichten Kostüme von  Anastasios-Tassos Sofroniou illustrieren dieses seltsame Gefühl der Schwerkraft, das gleich zu Beginn zelebriert wird, wenn die Tänzer einen offenen Schrein hereintragen. Energiegeladene Kampfszenen lassen das Geschehen dann förmlich explodieren. Das antike Drama ist tatsächlich Ausgangspunkt dieser ungewöhnlichen Choreografie. Das Gefühl der Verzweiflung und des Ausgeliefertseins ist wirklich allgegenwärtig.

In den rasanten und komplizierten Tanzsequenzen wird auch der alltägliche Kampf um die Existenz dargestellt. Die Tänzerinnen und Tänzer sind dabei auf der Suche nach Frieden und Erfüllung, doch Schmerz und Kampf überwiegen. Die "Troerinnen" des Euripides berichten über die Zeit nach dem Trojanischen Krieg. Hier stehen die Frauen im Zentrum des Geschehens, die unter den Folgen des Krieges leiden. Andonis Foniadakis erzählt aber keine lineare Geschichte. Kassandra, Hekabe und die schöne Helena finden wir nicht unter den Tänzerinnen.  Sogar ein Kassandra-Text wird zitiert. Das Chaos des Krieges prägt dabei sehr deutlich die verschiedenen Tanzformen. Alle sind Opfer, weil beide Seiten Gewalt erleben. Das wird in der suggestiven  Choreografie sehr gut dargestellt.

Dies gilt außerdem für Momente der absoluten Freiheit, die in dieser Arbeit ebenfalls plastisch verdeutlicht werden. Es gibt klare Anspielungen auf die Folklore. Trotzdem soll diese Geschichte nicht unbedingt griechisch sein, so Foniadakis. Durch Verhandlungen und politische Lösungen könne und müsse ein Weg gefunden werden, denn nichts rechtfertige den Mord an anderen. Das Ballett des Staatstheaters am Gärtnerplatz setzt alle diese Ansätze tänzerisch konsequent und radikal um. Michael Brandstätter dirigert dabei das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz höchst einfühlsam und impulsiv. Absteigende chromatische Schritte werden von den Tänzern eindringlich dargestellt. Die Annäherung an den Folkloretanz gelingt ausgezeichnet.

Zuletzt Jubel und großer Schlussapplaus. Die goldenen Schilder wirken dabei wie glänzende Augen.
 

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 15 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

AUS DEM DUNKEL INS LICHT -- Neue CD: Die Würth Philharmoniker und Thomas Hampson (Bariton) bei hänssler Classic

Das dritte Album der Würth Philharmoniker unter der Leitung ihres Chefdirigenten Claudio Vandelli präsentiert den berühmten US-amerikanischen Bariton Thomas Hampson. Die Würth Philharmoniker, die auf…

Von: ALEXANDER WALTHER

NORDISCHE KLANGFARBEN -- Neue CD "Northern Colours" mit Felix Klieser (Horn) bei Berlin Classics erschienen

Im Zentrum des neuen Albums von Felix Klieser (Horn) steht das inspirierende Werk "Soundscape - A Walk in Colours" op. 118 von Rolf Martinsson, der 1956 in Schweden geboren wurde. Der Komponist hat…

Von: ALEXANDER WALTHER

DIE TOTEN KOMMEN WIEDER -- Premiere "Antigone. Ein Requiem" von Thomas Köck im Schauspiel Nord/STUTTGART

"Sag mir nur eins, was taugt der Frieden hier, wenn er Leichen an den Strand spült, was für ein Frieden soll das sein?" fragt Antigone ihren Gegenspieler Kreon. Wer übernimmt eigentlich Verantwortung…

Von: ALEXANDER WALTHER

MIT VERVE UND ESPRIT -- Neue 4-CD-Box beim Label Naxos erschienen: Berühmte Orchesterwerke und Walzer von Johann Strauss II

Das Slowakische Staatliche Philharmonische Orchester, das Slowakische Radio Sinfonieorchester, das Polnische Staatliche Philharmonische Orchester Katowicze und das ORF Radio-Symphonieorchester Wien…

Von: ALEXANDER WALTHER

DIVERSE LACHVARIATIONEN -- Kabarett mit Eva Eiselt im Kleinkunstkeller BIETIGHEIM-BISSINGEN

Putin, Trump und Kaiser Wilhelm I. möchte sie am liebsten unter Denkmalschutz stellen lassen. Die Kabarettistin Eva Eiselt erhielt nicht nur den Deutschen Kabarettpreis, sondern auch den goldenen…

Von: ALEXANDER WALTHER

Alle Kritiken anzeigen

folgen Sie uns auf

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

Hintergrundbild der Seite
Top ↑
StartseiteBeiträgeKritikenHintergründeTheatermacherServiceFachbegriffeSuche