Das ausgezeichnete SWR Vokalensemble (Einstudierung: Yuval Weinberg) interpretierte zunächst "Lux aeterna" für sechzehnstimmigen Chor a cappella von György Ligeti. Ein bizarrer Neo-Impressionismus blitzte hier zuweilen in faszinierender Weise auf, entfaltete magische Wirkungen, die Francois Xavier Roth als umsichtiger Dirigent förderte. Kaleidoskopartig sich wandelnde Klangflächen beherrschten in suggestiver Weise die Szenerie, dichteste chromatische Schichtungen wechselten sich mit komplx verschlungenen Linien ab. Extreme dynamische Kontraste, Farben, Doppelbödigkeit und räumliche Ausreizungen erschienen mit intensiver Klangbreite. Teleskopartig zogen sich die Klänge zuweilen immer mehr zusammen.
Anschließend folgte eine bombastisch-schwungvolle Wiedergabe der Sinfonie Nr. 8 in c-Moll von Anton Bruckner in der zweiten Fsssung aus dem Jahre 1890. Der reiche und tiefe Inhalt des Werkes wurde unter Roth überzeugend ausgeleuchtet, das SWR Symphonieorchester musizierte leidenschaftlich und mit teilweise straffen Tempi. Aus wesenlosem Dunkel hoben im ersten Satz, Allegro moderato, die tiefen Streicher das düster-ernste, drängende Hauptthema in die Höhe, das sich dann zu drohender Pracht emporreckte. Seine wuchtige Majestät dankte es vor allem dem Brucknerschen Fünfer-Rhythmus, der so beschwörend auch das zweite Thema anschwellen ließ. Und die demütige Sehnsuchtsmelodie der Geigen folgte mit der lichten Trostverheißung der Holzbläser. Bedrängt von Anfechtung und dunkler Verstrickung dieser Melodie wogte hier der Kampf wilder Mächte hoch! Kriegerisches Trompetengeschmetter verhallte unheimlich. Im Schein der Streicher erklang dann mit warmem, mildem Hörnerklang die Durchführung. Erschütternd gab sie mit majestätischen Aufschwüngen und deprimierten Abstürzen Kunde von dem übermenschlichen Ringen einer gläubigen Seele mit den Mächten dieser Welt. Gegen den unerbittlichen Rhythmus des Hauptthemas bäumte sich Verzweiflung machtlos auf, dann erstarb die resignierte Klage in dumpfer Gedrücktheit. Bissig war dann der Ton im Scherzo moderato, das Francois-Xavier Roth voller Akribie auslotete. Es spielt auf den "deutschen Michel" an, fast eine Karikatur der Beliebigkeit. Der Rhythmus des Themas, das im dritten Takt einsetzt, war hier die wichtige treibende Kraft. Seine draufgängerische Starrköpfigkeit behauptete sich gegen alles turbulente Treiben ringsum, und selbst träumerisch-innige Klage prallte an seinem unerbittlichen Eigensinn ab, was das Orchester überzeugend verdeutlichte. Die schmeichlerische Geigenmelodie des Trio mit den Klangpoesien von Hörnern und Harfe beschwor dann den lieblichen Zauber eines echten Naturidylls. Wie mit stockendem Pulsschlag begann das Adagio "feierlich langsam, doch nicht schleppend" in spiritueller Versunkenheit, die Roth gut betonte. Der Erhörung gewiss, schwang sich der Gesang bald wie auf mächtigen Engelsflügeln in einen unbeschreiblichen Glanz - und entschwebte dann in sphärenhaften Fernen. In wogenden Harfenklängen verbreitete sich Zuversicht. Ein Tubenchoral von mystischer Weihe folgte. Ein hart klopfender Rhythmus beherrschte zuletzt das schwungvoll musizierte Finale, in dem die Blechbläser das majestätische Hauptthema anstimmten! Mit einer siegessicheren Trompetenfanfare klang es aus. In Fortspinnungen, Nachsätzen und Fanfaren ballte es bei dieser konzentriert-machtvollen Wiedergabe mit dem SWR Symphonieorchester unter Roth ungeheure Energien zusammen, ehe der weiträumige Streichergesang des zweiten Themas die Stimmen der Seele in wahrhaft bewegender Weise zu Wort kommen ließ. Mit rüstigem Schritt drängte das dritte Thema zur Entscheidung. Ein ungeheures Ringen spiegelte sich dann in der grandiosen Durchführung! Jäh drohten die Blechbläser mit dem scharf gezackten Rhythmus des Hauptthemas aus dem ersten Satz. Alle Energien der Finalthemen gipfelten hier in komplizierten kontrapunktischen Satzkünsten. In Trompeten und Posaunen ertönte das Kopfthema des ersten Satzes als Stimme der Widersacher, ehe ihre Macht in Strömen von Licht zusammenbrach. Vor allem die Blechbläser glänzten! In der Siegeshymne der Coda beschwor das SWR Symphonieorchester unter Roth bestrickenden Klangzauber.
Ovationen, Jubel und Riesenapplaus folgten.


