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Gefährdete Jahreszyklen - "Il Cimento dell’Armonia e dell’Inventione" von Anne Teresa De Keersmaeker, Radouan Mriziga / Rosas, A7LA5 im tanzhaus NRW Düsseldorf

November 2025

Dagmar Kurtz 16.11.2025

Antonio Vivaldis "Le quattro stagioni" ist wahrscheinlich das bekannteste und beliebteste klassische Musikstück, das fast jeder in der westlichen Welt kennt, liebt oder wegen seiner Allpräsenz nicht mehr hören kann Die jeweils typischen Kennzeichen im Ablauf der Jahreszeiten setzt Vivaldi in Nachahmung der Natur klangmalerisch beeindruckend um. Die melodische Erfindungsgabe (Inventione) und Kenntnis der Satztechnik (Armonia) stehen dabei im Widerstreit (Cimento).

© Anne Van Aerschot

Angeregt durch ein Gedicht von Asmaa Jama, "We, the salvage", das von "Le quattro stagioni" inspiriert wurde, beschäftigen sich die Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker und der Choreograf Radouan Mriziga in ihrem Stück "Il Cimento dell’Armonia e dell’Inventione" mit Vivaldis Werk unter Hinzuziehung von Amandine Beyer, die das Gli Incogniti Barock-Musikensemble leitet und dessen erfreulich differenzierte Version die musikalische Grundlage der Choreographie bildet.

Zunächst ohne Musik leuchten in einem Prolog nacheinander und in aufsteigender Linie Neonröhren auf, die rings an den Bühnenwänden rastermäßig angeordnet sind. Ein Tänzer mit transparentem, einfarbigem Überwurf und in kurzen modernen Sporthosen, unter denen eine Unterhose mit Goldborten hervorblitzt, bewegt sich mit kraftvollen Armbewegungen fast gladiatormäßig über die Bühne. Erst später setzt die Musik mit dem mit Herbst betitelten Part ein. Es folgen im Jahreskreislauf Winter, Frühling, Sommer und wieder Herbst und Winter. Anfangs wird die Musik häufiger durch Phasen ohne Musik durchbrochen. 

Es finden sich drei weitere Tänzer ein, die verschiedene Tanzstile ins Spiel bringen von Hip-Hop, rasantem Stepptanz ohne Steppeisen über klassische Ballettposen bis zum Reigen und Modern Dance. Tiergeräusche werden nachgeahmt von Vögeln und Hunden, das Schnauben und Kopfschütteln von Pferden. Ähnlich wie in Monatsbildern und Stundenbüchern dargestellt wird die Gestik des Aussäens, Trinkens, Schlafens und geräuschlich auch das zugehörige Schnarchen, die Gestik des Schwitzens, des Leidens an der Hitze, des Verscheuchens der Mücken, des mit dem Gewehr auf die Jagd Gehens, des Reitens, Frierens und sich am Feuer Wärmens, des winterlichen Schlittschuhlaufens mit Hinfallen und kunstvollen Pirouetten nachgeahmt. Erschöpfung und Lebensfreude werden zum Ausdruck gebracht. Im Wesentlichen wird den musikalischen Vorgaben Vivaldis choreographisch Folge geleistet. Momente des Lebenszyklus werden jedoch tänzerisch abstrahiert und dann wieder konkretisiert, das alles kraftvoll getanzt, vielleicht vergleichbar der Manier in den Bildern des Bauern-Bruegel benannten Pieter Bruegel des Älteren. Das ist lustig und beeindruckend dargebracht. 

Aber was so lustig erscheint, hat auch eine besinnliche Komponente, die zum Schluss durch das vom Band eingespielte Gedicht von Asmaa Jama, "We, the salvage" aufscheint, das die Folgen der Naturzerstörung eindrucksvoll aufzeigt: Dass nämlich die meisten modernen Menschen komplett die Beziehung zur Natur verloren haben, sie sehen sich nicht mehr als winzigen Teil der Natur. Naturkatastrophen werden zwar wahrgenommen, dass sie aber an deren Zunahme maßgeblich durch ihr Konsumverhalten beteiligt sind, verdrängen sie.

Im Epilog leuchten, nun hinter einem Vorhang, wieder die Neonröhren auf, in der Reihenfolge rückwärts zum Prolog bis nur noch eine leuchtet und schließlich verlöscht.

Von der beeindruckenden 90minütigen Performance der vier Tänzer zeigte sich das Publikum beeindruckt und belohnte durch enthusiastischen, langanhaltenden Applaus.

Choreografie: Anne Teresa De Keersmaeker, Radouan Mriziga
Kreation und Tanz: Boštjan Antončič, Nassim Baddag, Lav Crnčević, José Paulo dos Santos
Musik: Antonio Vivaldi, Le quattro stagioni, Aufnahme: Amandine Beyer, Gli Incogniti, Alpha Classics/Outhere Music 2015
Musikanalyse: Amandine Beyer
Gedichte: Asmaa Jama, ‘We, the salvage', Antonio Vivaldi, ‘Le quattro stagioni’
Set und Lichtdesign: Anne Teresa De Keersmaeker, Radouan Mriziga; Kostümdesign: Aouatif Boulaich
Probenleitung: Eleni Ellada Damianou
Assistenz der künstlerischen Leitung: Martine Lange
Künstlerische Koordination und Planung: Anne Van Aerschot
Tourmanagement: Emma Hermans
Technische Leitung: Thomas Verachtert
Technik: Tom Theunis, Jan Balfoort
Kostümkoordination: Veerle Van den Wouwer, unterstützt durch Chiara Mazzarolo und Els Van Buggenhout
Kostümausstattung: Els Van Buggenhout
Produktion: Rosas.

Eine Koproduktion von Berliner Festspiele, Charleroi danse – centre chorégraphique de Wallonie-Bruxelles, Concertgebouw Brugge (Bruges), De Munt/La Monnaie (Brussels), Festival d'Automne à Paris, Festival de Marseille, ImPulsTanz (Vienna), Sadler's Wells (London), Théâtre de la Ville – Paris. Mit der Unterstützung von Dance Reflections by Van Cleef & Arpels. Diese Produktion ist realisiert mit der Unterstützung von Tax Shelter der belgischen Föderalregierung, in Zusammenarbeit mit Casa Kaf-ka Pictures. Rosas wird unterstützt durch die Flämische Gemeinschaft und der Flämischen Gemein-schaftskommission (VGC). Gefördert durch das Bündnis Internationaler Produktionshäuser, gefördert durch den Beauftragten der Bundesregierung.

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Herausgeber des Beitrags: theaterkompass.de

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