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FLUCH DER BOULEVARDPRESSE -- "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" mit der Württembergischen Landesbühne Esslingen im Kronenzentrum Bietigheim-Bissingen

26.3.2026

ALEXANDER WALTHER 27.03.2026

Die Handlung von Heinrich Bölls Erzählung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" trägt unverkennbar Parallelen zur Zeit des RAF-Terrorismus im Jahre 1974. Damals fand die "BILD"-Zeitung die Familie Böll gefährlicher als Baader-Meinhof. Böll wollte dies laut eigenen Worten nie verzeihen. Die gesellschaftliche Hetze hat damals viel zerbrochen.

© Björn Klein

In der subtilen Regie von Eva Lemaire sowie Bühne und Kostüm von Nora Johanna Gromer (Mitarbeit Regie und Dramaturgie: Alexander Schreuder) kommt dieses Drama packend über die Rampe. Die junge Katharina Blum verliebt sich in den mutmaßlichen Mörder Ludwig Götten. Schnell gerät sie in den Verdacht, Götten bei seiner Flucht geholfen zu haben. Während die so genannte "ZEITUNG" Götten als Mörder darstellt, erweist sich der Verdacht tatsächlich als falsch. Aber das nützt nichts, denn das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Und Katharina Blum gerät ebenso immer mehr  ins Visier der "ZEITUNG", die sie als "Räuberliebchen" mit "Herrenbesuchen" verleumdet. Schließlich erschießt sie in Notwehr und Verzweiflung den schamlosen Journalisten Werner Tötges, der sie zum Geschlechtsverkehr auffordert. 

Die auch als "Nonne" bezeichnete Katharina Blum verstrickt sich in der spannenden Inszenierung von Eva Lemaire rettungslos in einem Gewirr von Telefonkabeln und steht zuletzt fast hilflos in Unterwäsche da. Elif Veyisoglu kann als Darstellerin der Katharina Blum deren Verzweiflung überzeugend verdeutlichen. Die Schauspielerin sagt selbst über diese Rolle, dass sie die Loyalität, Ehrlichkeit, Würde und der stille Widerstand von Katharina Blum sehr beeindruckt habe. Das Publikum müsse mit ansehen, wie eben das, was sie sei, sie fast zerbreche. Zugleich erhalte sie jene Kraft, die sie überleben lasse. Diese Inszenierung stellt Katharina Blum auf jeden Fall als starke Frau dar, deren Leben plötzlich eine andere Farbe bekommt, als sie sich in Ludwig Götten verliebt. Gleichzeitig wird auch deutlich, dass sich die Zeitung eines alten Mythos bedient, der die Frau als Hexe darstellt. Es ist ein Klischee, dass der Journalist Tötges in seinen Artikeln wiederholt. Heinrich Böll kritisiert die sensationslüsterne Boulevardpresse, die Menschenleben auslöscht. Gerade dieser Aspekt kommt bei der Aufführung gnadenlos zum Vorschein. 

Reyniel Ostermann fesselt in der Darstellung von Ludwig Götten, dem Journalisten Werner Tötges sowie dem aufdringlichen Kriminalassistenten Moeding gleichermaßen. Oliver Moumouris ist ein unerbittlicher Hauptkommissar Beizmenne und bietet auch als Alois Sträubleder (der erfolglose Liebhaber Katharinas) eine vielschichtige darstellerische Leistung. Florian Stamm verleiht Staatsanwalt Hach und dem Anwalt Dr. Hubert Blorna ein eindringliches Charisma. Und Lily Frank gefällt als ausgeflippte Architektin Dr. Trude Blorna, die der Situation genauso wenig gewachsen ist wie Katharina Blum. 

Ähnlichkeiten dieser Erzählung mit Friedrich Schillers Erzählung "Der Verbrecher aus verlorener Ehre" werden in dieser Inszenierung ebenfalls nicht geleugnet. Über die eigenen Erfahrungen hinaus dienten Heinrich Böll die Vorkommnisse um den Professor Peter Brückner von der TH Hannover als wichtige Grundlage, der angeblich Baader-Meinhof-Leuten Unterschlupf gewährt haben sollte und danach wie ein Aussätziger behandelt worden war. Die diffamierenden Kampagnen der Medien eskalierten in geradezu erschreckender Weise. Bölls Erzählton bewegt sich immer wieder zwischen Verehrung und Abscheu. Das leugnet auch die suggestive Regie von Eva Lemaire nicht. Man kann hier wirklich nachvollziehen, wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann. Die Akzentverschiebung von objektiver zu subjektiver Erzählhaltung kommt ebenfalls plastisch zum Ausdruck. Ironie und Sarkasmus in Bölls Erzählung blitzen in der Theater-Fassung von John von Düffel wiederholt auf. Die "Überaufmerksamkeit" der Presse und staatlicher Behörden in diesem Fall gipfelt in Blitzlichtgewittern und auseinanderfallenden Gebäude-Attrappen. 

Da geht irgendwie die Welt unter und es offenbart sich auch ein erschreckendes Maß an Menschenverachtung und Gottlosigkeit. Alle sind in diesem fatalen System gefangen. Stellenweise droht die Handlung den roten Faden zu verlieren - doch es gelingt Eva Lemaire auch dank der sehr guten Darsteller immer wieder, den alles überspannenden dramaturgischen Bogen zusammenzuhalten. Nobelpreisträger Heinrich Böll hat die Vorwürfe der Terrorismusverharmlosung seitens der konservativen Medien in eine heftige literarische Anklage umgewandelt. Der Autor geriet zwischen die Fronten. Diese Zerrissenheit spürt man auch in der Inszenierung. Gleichzeitig treten satirische Einlagen und groteske Bilder grell hervor. Die aufgestauten Emotionen des Autors entladen sich hemmungslos. Und der Satiriker Böll spricht, wenn von staatlichen Ermittlungsverfahren und -methoden die Rede ist. Man erfährt, dass Blorna nach der Lektüre der Sonntagszeitung "schrie" und "brüllte". "Gesellschaftsfeindliche Tendenzen" sind dann auch im Bekanntenkreis Katharinas zu beobachten. Das sprachliche Verfahren der "ZEITUNG" wird in vulgären Redewendungen bloßgestellt. Das wirkt punktgenau wie ein Filmschnitt. Die Ermordung des Journalisten Tötges rückt am Ende nochmals drastisch in den Mittelpunkt. Im Programmheft ist in diesem Zusammenhang sogar von einer Polizeibeamtin zu lesen, die von der "Bild"-Zeitung ebenfalls diffamiert wurde. 

Alles in allem verdient diese Aufführung als Spiegelbild bundesrepublikanischer Pressewirklichkeit das Prädikat "sehenswert".  

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Herausgeber des Beitrags: theaterkompass.de

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