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FIGUREN WERDEN IN ZEICHNUNGEN LEBENDIG -- "La Boheme" von Giacomo Puccini mit dem Staatstheater Meiningen im Theater HEILBRONN

am 17. Juni 2026

Geschrieben von ALEXANDER WALTHER

Einer der bedeutendsten zeitgenössischen Maler, Markus Lüpertz, hat bei dieser Produktion Regie geführt. Und er ist auch für Bühne und Kostüme verantwortlich, was ein Vorteil ist. Denn so ergänzt sich alles gegenseitig. Diese Meininger Inszenierung fand große internationale Anerkennung. Das Werk entführt in die Pariser Künstlerszene Ende des 19. Jahrhunderts. Auf einem Dachboden leben der Schriftsteller Rodolfo, der Maler Marcello, der Philosoph Colline und der Musiker Schaunard in großer finanzieller Unsicherheit zusammen. Rodolfo verliebt sich in seine Nachbarin Mimi.

© Christina Iberl

 Doch dieser Liebe ist kein Glück beschieden, denn Mimi ist schwerkrank. Weil Rodolfo ihr nichts bieten kann, möchte er sich von ihr trennen. Diese große und zerbrechliche Liebe übersteht den Winter nicht, denn Mimi stirbt. 

Markus Lüpertz hat für diese bemerkenswerte Inszenierung drei Texte geschrieben und gesprochen. Diese geben seine ganz eigene Haltung zur Handlung wieder. Den ersten Text "La Boheme" hört man praktisch als Ouvertüre zum ersten Mal. Der zweite Text "Rodolfo" erklingt dann direkt vor dem zweiten Bild und der dritte Text "Mimi" ist als Einleitung zum vierten Bild zu hören.  Das Bühnenbild fesselt aufgrund seiner rustikalen Farbenpracht und Vielgestaltigkeit. "Der gebrochene Ast verrät ein Gott hielt Rast..." ist der Ausschnitt eines Textes zu "La Boheme" von Markus Lüpertz, der mit 31 Jahren als jüngster Professor an die Staatliche Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe kam. Der 1941 im böhmischen Liberec geborene Lüpertz ist als Maler, Grafiker und Bildhauer ein echter "Bohemien" - und so inszeniert er dieses Werk auch. Die Figuren sind hier aus Zeichnungen und Gemälden entstanden, werden plötzlich lebendig. Das ist das Spannende an dieser Inszenierung. "Im Grund steht man da und muss sich fragen: Will ich leben oder will ich Kunst machen. Nur die wenigsten schaffen beides", meint Lüpertz. Die bunte Menge auf den Straßen des Quartier Latin im zweiten Bild steht in grünen Gewändern ziemlich unbeweglich da - aber der Zauber des Montmartre ist trotzdem allgegenwärtig. 

Die Frivolität von Musetta wird nicht übertrieben herausgestellt. Am besten gelingt  die Schluss-Szene mit dem Tod Mimis. Der Lichtkegel beleuchtet ihr Gesicht, sie steht aufrecht und starr da, blickt zu Boden. Und da tritt plötzlich ein Skelett mit Totenmaske heran. Das Schauerliche dieser Szene geht unter die Haut und hinterlässt beim Publikum einen tiefen Eindruck. 

Musikalisch ist diese Produktion weitgehend überzeugend. Killian Farrell dirigiert die Meininger Hofkapelle sensibel und ausdrucksstark zugleich, stellt auch kammermusikalische Bezüge einfühlsam heraus, was den Sängerinnen und Sängern zugute kommt. Die Fülle kleiner Themen und Motive sprudelt hier nur so hervor, betört den Zuhörer, besitzt charakterisierende Kraft. Die überaus bewegliche Rhythmik lässt sich in keine starren Metren zwängen. Der Musette-Walzer im zweiten Bild besitzt sphärenhaften Zauber. Gleich zu Beginn setzt die Musik mit einem bewegten, kräftigen Motiv in den Blechbläsern ein. Insbesondere das Leitmotiv der Boheme trifft Killian Farrell genau. Geigen, Flöten, Oboen treten hinzu und die Harfe überzeugt mit weichen Akkorden. Der flüssige Parlando-Stil triumphiert, erinnert auch entfernt an das Flair der italienischen Buffo-Oper. Das Orchester übernimmt hier wirklich die Führung. Die Singstimmen, vor allem Rodolfos Gesang folgen ihm in einprägsamen melodischen Phrasen. Garrett Evers kann als Rodolfo mit geschmeidigem Timbre und sicheren tenoralen Spitzentönen überzeugen. 

Lubov Karetnikova trifft als Mimi gerade auch die lyrischen Sequenzen ihrer Partie ergreifend - und Hannah Gries ist eine nicht allzu mondäne Musetta, die das Komödiantische ihrer Rolle aber durchaus betont. In weiteren Rollen gefallen Johannes Mooser als Marcello, Tomasz Wija als Schaunard, Keith Klein als Colline und Daniel Domarecki als Parpignol. Ferner überzeugen noch Raphael Hering als Sergant Benoit, Mikko Järviluoto als Alcindoro, Matthias Richter als Zöllner sowie Richard Köllner (Kinderstatist) als Knabe. Der Chor des Staatstheaters Meiningen bietet eine famose, beeindruckende Gesamtleistung. Das Schwächerwerden Mimis drückt sich im Orchester  ergreifend und beklemmend aus. Lange, zarte Akkorde klingen auf und verklingen wieder. Die Singstimmen agieren in kurzatmigen Phrasen. Es kommt zu einer erschütternden Reminiszenz an Rodolfos Liebesarie. Zwei Soloviolinen spielen sie langsam und in vierfachem Pianissimo, die Bassklarinette fesselt mit einer tiefen Note: Mimi stirbt. Ansonsten strahlen Singstimmen und Orchester in den anderen Akten in betörendem Glanz - auch wenn das manchmal noch eindringlicher betont werden könnte. 

Der Regisseur Markus Lüpertz sagt: "Puccini ist der Opernkomponist schlechthin, ein unglaublich moderner. Er ist mehr als das Sentiment, das ihm nachgesagt wird." Dem ist nichts hinzuzufügen.  Begeisterter Schlussapplaus des Publikums für eine sehenswerte Inszenierung. 

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