Auch der zweite Satz ließ Momente der dramatischen Accompagnato-Rezitative im Stil von Gluck erkennen. Das Orchester besaß hier eine originelle erzählerische Aufgabe. Und der bestechende Humor von "Papa Haydn" blitzte immer wieder deutlich hervor. Der zweite Satz erinnerte an eine reflektierende Arie mit Solokadenz. Solovioline und Cello schwelgten in berührenden Kantilenen. Die höfische Menuett-Form überzeugte dabei ganz besonders.
Dann folgte die gelungene Aufführung von Christoph Willibald Glucks Azione teatrale in einem Akt "Le cinesi" ("Die Chinesinnen"). Nachhaltig hat sich im Repertoire die Version von Gluck gehalten, denn es gab in diesem Zusammenhang noch andere Vertonungen dieses Stoffes - unter anderem von Antonio Caldara. Glucks Partitur ist sehr farbig und beweist seine souveräne Beherrschung der verschiedenen Stilbereiche des Dramma per musica (seria, pastorale, buffa, comique). Man spürt, wie unbekümmert er mit neuen, unorthodoxen Gestaltungselementen experimentierte. In der humorvollen Inszenierung von Charles Di Meglio wurde das naturhafte Bühnenbild des Schlosstheaters auch von vielen Wolken beherrscht.
Die Handlung: Lisinga hatte Sivene und Tangia zum Tee in ihre Gemächer eingeladen. Alle drei klagten über die Langeweile ihres eintönigen Lebens. Als Lisingas jüngerer Bruder Silango erschien, änderte sich alles. Die jungen Damen interessierten sich für seine exotischen Erlebnisse in fremden Ländern. Sie fürchteten aber um sein Leben, denn sein Besuch in Frauengemächern war nach chinesischem Gesetz verboten. Sie wollten ihn verstecken - und er schlug vor, gemeinsam Theater zu spielen. Dieses Spiel uferte auf der Bühne des Schlosstheaters immer mehr aus, Lisinga schlüpfte plötzlich in die Rolle der Andromache aus der griechischen Tragödie. Ein reizvolles Perücken-Spiel begann. Das verliebte Pärchen Sivene und Silango präsentierte nun eine heitere Pastorale, die auf der Bühne magische Reize entfaltete. Das wurde auch von Tangia bemerkt, die ebenfalls in Silango verliebt war und vor Eifersucht zitterte. Die Diskussion, welches Stück das beste war, führte zu einem heftigen Streit! Weil keine Einigung in Sicht war, schlug Silango als Kompromiss schließlich ein Ballett vor. Alle nahmen sich an der Hand und begannen gemeinsam zu tanzen, womit das Ganze ein glückliches Ende nahm.
Lisingas Andromache-Arie gelang dank der hervorragenden Interpretation von Juliette Mey ausgezeichnet. Die Arie brach nach dem dramatisch-musikalischen Höhepunkt abrupt ohne Dacapo ab. Tangia wurde von Flore Royer exzellent verkörpert, als sie einen aus Europa heimgekehrten jungen Geck parodierte. Sie fügte in ihr Rezitativ eine geträllerte Melodie im Dreivierteltakt "zwischen den Zähnen gesungen" ein. Ein Zitat aus dem Oratorium "Acis und Galatea" von Händel folgte. Die heitere Stimmung dieses geist- und humorsprühenden Stückes wurde bei dieser Aufführung ausgezeichnet erfasst! Sarah Charles glänzte ebenso als Sivene. Und Abel Zamora war ein imponierender Silango. In den Ritornellen wurde die Melodie mitgesummt und auch "in caricatura" getanzt. Das Finale glänzte dann als Quartett alla polacca, Thematik und Rhythmus erinnerten stark an polnische Polonaisen.
Das für Gluck vorgesehene Libretto stammte übrigens von Fürst Hildburghausen. In Metastasios und Caldaras Version hatte die damals 18-jährige spätere Kaiserin Maria Theresia mitgespielt. Die Aufführung im Schlosstheater sprühte jedenfalls vor elektrisierendem Feuer und unbändigem Temperament und erntete deswegen Jubel und Begeisterung.


