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EIN VORLÄUFER VERDIS -- Gastspiel des Nationaltheaters Mannheim mit Donizettis "Lucrezia Borgia" konzertant im Forum am Schlosspark LUDWIGSBURG

am 7. März 2026

ALEXANDER WALTHER 08.03.2026

Wie stark Giuseppe Verdi von Gaetano Donizetti beeinflusst wurde, macht gerade die im Jahre 1833 in der Mailänder Scala uraufgeführte Oper "Lucrezia Borgia" von Gaetano Donizetti deutlich. War sie wirklich eine Femme fatale - oder eine tragische Mutterfigur? Donizetti ist dabei ein packendes Porträt einer Frau gelungen, die zwischen Macht, Schuld und Sehnsucht gefangen war.

© Nationaltheater Mannheim

Natürlich ist hier auch ein Krimi des Vatikans entstanden. Lucrezia erscheint als Tochter und Konkubine ihre Vaters, Papst Alexander VI., und als Geliebte ihres Bruders. Die Borgias waren nicht umsonst eine der meistgehassten Familien der Renaissance, eine Art Mafia. Die Titelfigur kam auch in der konzertanten Aufführung des Nationaltheaters Mannheim mit psychologischer Präzision sehr eindrucksvoll zur Geltung. Als dramatische Vorlage diente das Schauspiel von Victor Hugo, in dem Lucrezia Borgia zur unfreiwilligen Mörderin ihres eigenen Sohnes wird. 

Im ersten Akt fleht sie ihren cholerischen Gatten Alfonso um Gnade an, als sich herausstellt, dass ihr eigener Sohn Gennaro das Wappen der Borgias verunstaltet hat. Lucrezia rettet ihren Sohn vor vergiftetem Wein. Im zweiten Akt wird dann Gennaros Entschluss, Lucrezias Bitte zu folgen, von Orsini und seinen Freunden zunichtegemacht. Ihre Rachsucht verwandelt sich in Entsetzen, als sie erkennen muss, dass ihre Rache auch ihrem Sohn zum Verhängnis werden kann. Obwohl im Forum am Schlosspark die Inszenierung von Rahel Thiel fehlte, konnte man das dramatische Geschehen in überzeugender Weise nachvollziehen. Gennaro lehnt diesmal ab, das Gegengift zu nehmen und stirbt in Lucrezias Armen, nachdem sie ihm zuvor offenbarte, dass sie seine Mutter ist. Als ihr Gatte Alfonso erscheint, erfährt er von seiner Frau die Wahrheit über Gennaro, bevor sie zusammenbricht. 

Die kriminalistische Erzählstruktur dieses Werkes wurde bei der insgesamt gelungenen konzertanten Aufführung in präziser Weise durchgehalten. Die inneren Konflikte dieser Protagonisten kamen packend zum Vorschein. Der nächtliche Charakter dieser Inszenierung blieb auch konzertant immer spürbar. Und der fließende Erzählstrom mit pausenlosen Szenenübergängen wie Filmschnitte übertrug sich auf die Sängerinnen und Sänger. Der Kreislauf aus Schuld, Rache und Schicksal setzte sich unaufhörlich in Bewegung. Im Duett zwischen Lucrezia Borgia und Gennaro verdichtete sich das emotionale Spannungsfeld ganz hervorragend. 

Jessica Muirhead als Lucrezia Borgia und Sung Min Song als Gennaro erreichten immer wieder Gipfelpunkte des ausgeprägtesten Belcanto-Gesangs. Mit weichem Timbre und strahlkräftigen Spitzentönen behauptete sich Jessica Muirhead in überragender Weise. Ebenmäßige Kantilenen und brillante Figurationen und Arabesken sprudelten dabei nur so hervor, prickelnde rhythmische Essenzen eingeschlossen. So kam es wiederholt zu einem grandiosen Koloraturenfeuerwerk! Und auch die anderen Sänger konnten die Zuhörer fesseln. Shachar Lavi brillierte als Orsini ("Flieht die Borgia!") mit markantem Mezzosopran, dessen Klangfarbenreichtum bestach. Und der umsichtige Dirigent Anton Legkii betonte mit dem ausgezeichneten Orchester des Nationaltheaters Mannheim den mediterranen Klangzauber. Die melodischen Eingebungen konnten sich bei dieser formvollendeten Wiedergabe sehr wirkungsvoll entfalten. Davon profitierte zudem Bartosz Urbanowicz als fulminanter Alfonso. In weiteren Rollen gefielen Sung Ha als Gubetta, Raphael Wittmer als Liverotto, Joshua Owen Mills als Vitellozzo und Ilya Lapich als Petrucci.  Zacharias Galaviz-Guerra als Gazella, Christopher Diffey als Rustighello sowie Thomas Berau als Astolfo vervollständigten das furiose Ensemble, das durch den famosen Herrenchor des Nationaltheaters Mannheim noch zusätzlich bereichert wurde. 

Die Artikulationen der Streicher, die Tremolo, Pizzicati und Arpeggien unterstrichen unter der impulsiven Leitung von Anton Legkii die fieberhafte Harmonik dieses völlig zu Unrecht vernachlässigten Meisterwerks. Venezianische Melancholie und tragischer Alptraum standen dicht beieinander. Legkii schuf hier als umsichtiger Dirigent tatsächlich ein durchsichtiges orchestrales Gewebe, das den Sängern genügend Freiräume ließ. Kontrapunktische Verästelungen wurden mit energiegeladener Akribie entwirrt. Und auch der entscheidende Wendepunkt bei Orsinis Arie "Il segreto per esser felici" im letzten Akt kam nicht zu kurz. Der Trinkspruch in C-Dur und G-Dur entfaltete eine geradezu dämonische Wirkungskraft, deren Intensität sich verstärkte. Walzerartige Rhythmen, Moll-Passagen in den Kadenzen und Modulationen zu fremden Tonarten verstärkten den Eindruck des Unheimlichen und Gespenstischen. 

Mit seiner wellenförmigen Dynamik geriet so das Finale im Forum am Schlosspark zum absoluten Höhepunkt dieser Oper. Die unheimlichen Glockenschläge bei "Die Freuden der Gottlosen vergehen wie der Nebel am Morgen" unterstrichen diesen Eindruck nur noch mehr. Tragisches Concertato, Erkennungsszene und Todesklage verdichteten sich in eindrucksvoller Weise. Die extremen Pianissimi beim Zusammenbruch der Protagonistin ließen den Zuhörer erschauern. Tonarten wurden hier als dramatische Symbole immer wieder sinnvoll genutzt, dramatische Spannungen und Höhepunkte klug aufgebaut. Der Dirigent trug die Sänger wie auf Händen, was die Plastizität des Ausdrucks und die innere Bewegung unterstrich. Die Atmung der Phrasierung funktionierte, hätte bei manchen Passagen sogar noch intensiver sein können. Doch insgesamt war diese Wiedergabe sehr überzeugend und ausgesprochen glutvoll. Meyerbeers "Hugenotten" und Verdis "Rigoletto" blieben spürbar. So gab es zuletzt zurecht viele "Bravo"-Rufe und tosenden Schlussapplaus! 

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Herausgeber des Beitrags: theaterkompass.de

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