Das ließ sich hervorragend an. Schon mit 23 Jahren veröffentlichte sie ihr erstes Buch „Die Frau am Pranger“. Ihr Name erschien als Fixstern am Literaturhimmel der DDR. Allerdings war sie aufgrund ihrer freimütig-kritischen Äußerungen auch gefährdet, ihr Dasein gekennzeichnet von dauerhaftem Spagat zwischen Widerstand und Anpassung. Nur so konnte sie ihre Stellung im literarischen DDR-Kosmos behaupten. Nur so die Orden und ziemlich alle Literaturpreise abräumen, die der ‚Arbeiter- und Bauernstaat‘ zu vergeben hatte. Zehn Jahre schrieb sie an ihrem großen Hauptwerk, dem Roman „Franziska Linkerhand“. Er musste unvollendet bleiben, denn mit 35 Jahren erfuhr sie die erste Krebsdiagnose. Vier Jahre später starb sie in Ost-Berlin. --
Nun ein Sprung ins Heute, zu den beiden vortrefflichen Schauspielerinnen Christiane Lemm und Petra Kuhles, die seit Jahren gemeinsam mit selbst erarbeiteten literarischen Programmen auftreten. Ihre neue Produktion ist eine szenische Lesung aus Brigitte Reimanns Opus Magnum. Und das zahlreich erschienene Publikum wurde für seine Aufmerksamkeit belohnt: Mit klug ausgewählten Ausschnitten aus dem großen Werk. Und mit zwei Vor-Leserinnen, die ausdrucksvoll, sprachlich brillant und immer einfühlsam einen starken, lebendigen Einblick in die Arbeit von Brigitte Reimann erstehen ließen.
Der Roman handelt von Franziska Linkerhand, einer temperamentvollen, lebenshungrigen jungen Architektin, die in der schmalspurigen Wirklichkeit mit ihren vielen Geboten und Verboten immer wieder blutig an scharfbewachte Grenzen stößt. Einer Freundin schrieb Brigitte Reimann: „Da kommt ein Mädchen, jung, begabt, voller leidenschaftlicher Pläne, in die Baukastenstadt und träumt von Palästen aus Glas und Stahl – und dann muss sie Bauelemente zählen.“
Darüber hinaus vermittelte der Abend eine erhellende Ahnung vom tagtäglichen DDR-Leben in der Zeit nach dem Bau der Mauer. Unterstützt wurden die beiden Sprecherinnen von der Cellistin Donja Djember, die mit ihren kreativen musikalischen ‚Zwischentönen‘ ein ganz selbständiges, dabei genau die Stimmungswelt der Texte aufgreifendes Element hinzufügte. In besonders magischen Momenten erschienen die drei weiblichen Stimmen sogar fast wie eine einzige, umhüllende Verlautbarung in verschiedenen Tonlagen.
Christiane Lemm, Petra Kuhles und Donja Djember machten aus dieser originellen Form ein beeindruckendes Highlight, wie wir es dringend zum Verständnis der näheren Vergangenheit in Deutschland brauchen. Wir müssen unbedingt wissen. Um die Folgen bis in unsere Gegenwart wirklich zu verstehen.
Man möchte dem aufschlussreichen, mit viel Applaus bedachten Abend noch viele Aufführungen wünschen.


