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BOMBASTISCHE KLANGBLÖCKE Gustav Mahlers sechste Sinfonie bei BR Klassik mit Mariss Jansons und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (Vertrieb Naxos)

März 2026

ALEXANDER WALTHER 11.03.2026

Die sechste Sinfonie in a-Moll von Gustav Mahler hat er selbst als seine "Tragische" bezeichnet, er vollendete sie im Jahre 1904. Paul Bekker verstand sie "als Kampf des Wollenden gegen das Starre, das Niederzwingende, das Stumpfe". Und genau so interpretiert sie der mittlerweile verstorbene Mariss Jansons mit dem vorzüglich musizierenden Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks.

© NAXOS Deutschland

Das Orchester ist hier noch stärker als zuvor besetzt. Im reichen Schlagzeug fallen Herdenglocken auf, "das letzte Geräusch, das dem Einsamen in äusserster Höhe von der Erde her noch zuklingt, Symbol völligen Alleinseins". Die fatale Situation wird bei dieser atemlosen, fulminanten und überaus feurigen Aufnahme in hervorragender Weise beschworen! Die Kraft der realistischen Klänge übt aber auch einen großen akustischen Zauber aus. 

Der erste Satz kommt tatsächlich wie ein furioser Marsch daher, den Bekker als "dieses ständige Schreiten des Schreitens wegen" bezeichnete. Der ruhelos suchende Wanderer Mahler zeigt hier sein wahres Gesicht. Das Thema löst sich dabei aus seiner ganzen Energie, klimmt entschlossen hoch und prallt auf einen Trompetenakkord, der aus Dur wie ermattet nach Moll absinkt. Dieses Klangsymbol wirkt so geheimnisvoll wie ein Motto, wie ein unabänderlicher Schicksalsspruch. Der tragische Schluss wird vorweggenommen. Der Choral und das schwungvolle zweite Thema des ersten Satzes beweist eines: Themen und deren Bedeutung sind für Mariss Jansons wichtiger als deren Substanz. Nach der Exposition gelingt in den erregenden Klängen der Durchführung das unerwartet Entscheidende: Alles Lastende wird plötzlich überwunden, im stürmischen Jubel des Schlusses scheint die gewaltige Höhe endgültig erreicht. 

Das wuchtige Scherzo hat bei aller Erdenschwere hier etwas Unheimlich-Phantastisches. Und Jansons dirigiert es luftig und leicht, mit federnden Tempi. Über Paukenschlägen hebt sein plumper Tanz an und prallt auf das Dur-Moll-Motto aus dem ersten Satz. Neue Tanzmelodien erscheinen hier mit wahrhaft "altväterischer Grazie". 

Und der Schluss droht mit einer dunklen Frage. Die Antwort gibt dann das monumentale Finale als weiträumig musizierter Sonatensatz. Schon die "Sostenuto"-Einleitung bietet in der Wiedergabe durch Mariss Jansons ungeheure Kräfte auf, mit Choralklängen verbünden sich dunkle Energien, aus den vorangegangenen Sätzen hallt es schaurig nach. Leidenschaftlich aufbegehrend drängen sich hier Marschthemen vor, angesichts breit strömender Melodien wird ein verheißungsvoller Aufschwung beschworen. Da fällt der Hammer mit unheimlicher, symbolischer Bedeutung! Die Harmonik wird bei Jansons geradezu zerfetzt. Ein neuer, übermenschlicher Versuch folgt, das Ungeheure zu überwinden. Vergeblich. Wieder vernichtet der Hammerschlag alle Hoffnung - und der dritte Hammerschlag hallt schließlich wie ein grausiges Echo nach. Die ohnmächtige Resignation gelingt Mariss Jansons mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ebenfalls sehr eindrucksvoll. Er wählt hier viel schnellere Tempi als etwa Sir John Barbirolli, doch die magische Wirkung bleibt. 

Die Aufnahme ist unbedingt zu empfehlen. Es handelt sich um einen Mitschnitt vom Mai 2011 aus der Philharmonie im Gasteig München.  

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Herausgeber des Beitrags: theaterkompass.de

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