Lohengrin erscheint als Gralsritter in Schwanenfedern, die sogar von der Decke des Festspielhauses regnen. Bei der Hochzeit mit Elsa im zweiten Akt gibt es über der großen Treppe ein riesiges Feuerwerk, Nebel und Rauch vermischen sich in geheimnisvoller Weise. Ein großer Kreis markiert magische Momente, im Hintergrund sieht man Planeten und ein riesiges Auge. Und bei der dämonischen Szene zwischen Ortrud und Telramund im zweiten Akt dominiert ein riesiger Mond, während unheimliche schwarze Figuren das schwarz-weiße Ambiente untermalen. Obwohl die Szenen mit den Fernsehgeräten manchmal nicht so recht zu passen scheinen, stört dies den dramaturgischen Gesamtablauf nicht. Trotz dieser szenischen Schwäche können das fantasievolle Bühnenbild von Johannes Murauer und das fulminante Kostümbild von Gesine Völlm das Publikum fesseln.
Im dritten Akt sitzen Elsa und Lohengrin am Esstisch auf der Treppe, sie können nach der Hochzeit gar nicht mehr richtig zusammenkommen. Elsa bedrängt Lohengrin immer drängender und stürmischer mit ihren Fragen, obwohl er sie dringend gebeten hatte, dies nicht zu tun. Schließlich muss er doch seine Identität preisgeben. Ortrud hat als lachende und triumphierende Hexe zuletzt noch einmal einen gewaltigen Video-Auftritt, während Lohengrin in der Seitentür entschwindet. Elsa sinkt entseelt zu Boden, als ihr kleiner Bruder zum Herzog von Brabant ausgerufen wird. Man sieht im dritten Akt viele Schwäne, die das Bühnenbild zu beherrschen scheinen. Erath möchte das Wunder szenisch herbeizaubern. Dies ist ihm vor allem im ersten Akt gelungen, der einen großen Eindruck hinterlässt. Johannes Erath sagt selbst, dass er bei dieser Arbeit an ein Wunder glaubt. Für ihn ist die leere Bühne ein heiliger Ort. Dieser Abend lebt auch von der Verzauberung, aber nicht von der oberflächlichen Trennung von Schwarz und Weiß. Das Theater soll auf das Publikum hier ganz unmittelbar wirken. Das ist in jedem Fall sehr gut gelungen. Man kann wirklich sagen, dass das Überirdische im Zentrum steht.
Trotz seines kammermusikalischen Zuschnitts kann das Mahler Chamber Orchestra unter der inspirierenden Leitung von Joana Mallwitz den Hörer sofort überzeugen. Dies beginnt schon bei den irisierenden Streicherklängen beim überirdischen Vorspiel mit seinen Flageolett-Tönen und setzt sich dann bei der prägnanten thematischen Verarbeitung der Motive und harmonischen Verbindungen fort. Das motivische und melodische Material wird bei Joana Mallwitz sehr präzis herausgearbeitet. Doch das Kammermusikalische dominiert keinesfalls, es gibt auch monumentale dynamische Steigerungen, die nie aufgesetzt wirken.
iotr Beczala ist als Lohengrin nach wir vor eine Idealbesetzung, seine A-Dur-Welt wirkt sphärenhaft und besitzt doch eine ungheure vokale Strahlkraft. Vor dem Erscheinen Lohengrins erklingt das As-Dur fast gespenstisch, bei seinem Abschied in schmerzlichem a-Moll. Das wirkt auf jeden Fall unheimlich und unwirklich, wird aber in seiner melodischen Tiefe voll ausgekostet. Hervorragend ist auch Rachel Willis-Sorensen als Elsa, deren strahlende Spitzentöne alles überragen und ihr Wesen in B-Dur einfühlsam unterstreichen. Die dämonische fis-Moll-Welt von Ortrud und Telramund wird von Joana Mallwitz mit dem Mahler Chamber Orchestra ebenfalls höchst sensibel beschworen. Dadurch erreichen die dramatischen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Paaren eine enorme dramatische Kraft. Wolfgang Koch liefert als Telramund ein ausgezeichnetes und geradezu explosives Charakterporträt, während Tanja Ariane Baumgartner als Ortrud ihre stimmlichen Reserven bei den Spitzentönen bis zum Zerreissen anspannt. Ihre Triumphlust gipfelt mit übermäßiger Quart und kleiner Sext in einer "Zigeuner-Tonleiter". Und ihr gellendes Hohngelächter wurde noch in keiner Inszenierung so intensiv gezeigt! Sie erscheint als überragende Figur - auch angesichts ihrer Trauer um den von Lohengrin getöteten Telramund. Langweilig wird es hier nie.
Exzellent agieren der Tschechische Philharmonische Chor Brünn sowie der Philharmonia Chor Wien. Kwangchul Youn als König Heinrich beeindruckt das Publikum mit fulminant-sonorer Bass-Kraft in C-Dur. Und auch die Stille in der Musik spielt bei Joana Mallwitz eine große Rolle. Der "Märchenkönig" Ludwig II. verließ eine "Lohengrin"-Aufführung übrigens tränenüberströmt - und diese starke seelische Bewegung kann man auch bei Johannes Eraths Inszenierung nachvollziehen. Der zauberische Glanz der Liebesnacht verläuft nämlich bei seiner Werkdeutung besonders erschütternd. Der e-Moll-Akkord der Posaunen geht durch Mark und Bein. Und auch die scheinbar schmetternde "Hochzeitsmusik" zu Beginn des dritten Aktes verläuft keineswegs oberflächlich. Alles geht in eine geradezu philosophische Tiefe. Besonders markant ist dies bei jener Sequenz, wo das Rachemotiv plötzlich im lichten und zarten Tonreich seine Schatten wirft. Bei den verhallenden Klängen des Brautchors nähert sich Lohengrin der Geliebten in bewegender Weise. Da trägt diese Interpretation eine unverkennbar weibliche Handschrift. Die Zartheit der Partitur wird trotz aller monumentalen Klangblöcke immer wieder berührend herausgestellt. Das sind Momente, die man nicht vergisst. Samuel Hasselhorn gefällt als Heerführer des Königs. Vier brabantische Edle und vier Edeldamen werden von Solisten des Tschechischen Philharmonischen Chors Brünn und von Solistinnen des Philharmonia Chors Wien sehr gut gesungen. Zu nennen sind hier Jan Koznar, Vladislav Agamuradov, Filip Novotny, Vaclav Jerabek, Lisa Barletta, Orsolya Gheorghita, Rotraut Geringer und Barbara Egger. Anton Forcher und Christian Beer spielen neben den Statisten abwechselnd Herzog Gottfried.
Lautstarker Jubel!


