Ihr persönlicher Freiheitsentwurf radikalisierte sich. Paul Celan, Hans Werner Henze und Max Frisch waren die Männer, die ihr Leben entscheidend prägten. Darauf geht die Autorin Andrea Stoll in einfühlsamer Weise in dieser Biografie ein. Sie beleuchtet dabei kaum bekannte Verbindungslinien zwischen Leben und Literatur. Henze sah ihre Beziehung zu Max Frisch kritisch, er konnte sich mit ihm nicht anfreunden. Frisch griff in seiner Beziehung zu Bachmann auch zu Gewalt, was eindringlich geschildert wird. Und Paul Celan machte ihr sogar einen Heiratsantrag, der sie allerdings überforderte. Celans Freitod erschütterte sie.
Sehr einfühlsam beschreibt die Autorin dann die letzten Lebenstage Ingeborg Bachmanns, die bei einem Brandunfall in Rom 1973 starb. Dabei schildert Andrea Stoll eindringlich, dass "Malina" als Preisgabe des eigenen Abgrunds zu den großen Leistungen ihres Schriftstellerlebens gehörte. Von frühester Jugend an habe sie sich als Schreibende einem Ich-Ideal unterworfen, das von den hohen Moralansprüchen ihres Vaters geprägt gewesen sei und in der demütigen Unterwerfung unter die Ziehväter der österreichischen Literaturszene seine Fortsetzung erlebt habe. Hinzu kamen Einflüsse des Philosophen Martin Heidegger, über den sie promovierte. Angesichts ihrer literarischen Arbeiten ist einmal sogar von Mahlers elfter Sinfonie die Rede. Wahrscheinlich ist dies auch der wahre Grund für ihre Lebenstragödie.
Ihr Freund Heinrich Böll konstatierte: "Ich denke mit Schmerz an sie, mit Zärtlichkeit und in Freundschaft, und ich denke an die siebenundvierzigjährige Frau wie an ein Mädchen, und ich wehre mich gegen etwas, das leicht gesagt ist: der Tod habe sie erlöst..." Hans Werner Henze erstattete aufgrund von Bachmanns Todesumständen sogar eine Anzeige wegen Mordes, der sich aber nicht nachweisen ließ. Auf der letzten Seite resümiert Andrea Stoll: "Vielleicht war es gerade ihr ikonisches Credo 'Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar', das sie als Schriftstellerin so unerbittlich nach dem suchen ließ, was sie als künstlerische Wahrheit empfand".
So begreift man den Menschen Ingeborg Bachmann auf jeden Fall besser, obwohl man während der Lektüre natürlich immer wieder Fragen an die Autorin hat. Immerhin ist der Titel des Buches "Zwei Menschen sind in mir". Der Band ist in jedem Fall lesenswert.


