Die visuellen Effekte erinnern an düstere Computerspiele. Im ersten Teil bewegen sich Avatare mit auf die Brust montiertem Kopf, Avatare mit mehreren Köpfen oder mit zwei Köpfen, einem oben und einem am After, durch surreale Landschaften wie von Max Ernst oder Tanguy einst kreiert. Allerdings bestehen diese Landschaften hier nicht aus Pflanzen oder Tieren, sondern aus Knochenteilen, Leichenbergen und Innereien. Galgen und ein Kreuz tauchen auf. Es ist eine virtuelle Welt mit mutierten Wesen am Ende der von Menschen beherrschten und zerstörten Welt. Dann wird es etwas lichter, an die Ästhetik indischer Bildwelten erinnernd. Wesen mit mehreren Händen wie bei einer indischen Gottheit oder mit einer sich drehenden Gesichter-Pyramide treten auf.
Im zweiten Teil erinnert das Setting an eine reale Megagroßstadt mit modernen Hochhäusern. Ein riesiger, durch Bodybuilding gestählter Muskelprotz stapft wie Max Ernsts Hausengel in King-Kong-Manier alles nieder. Wilde Blitze zucken auf, verheerende Brände breiten sich aus. In dieser apokalyptischen Welt sehen Verzweifelte durch die Panoramafenster ihrer Behausungen der Zerstörung ihres Lebens zu.
Vor der Videowand tanzt Louise Lecavalier ununterbrochen, weich, geschmeidig und energetisch zugleich in ihrem bekannten, ganz eigenen Tanzstil. Auch finden sich die aus ihrem Bewegungsrepertoire bekannten Gesten des zarten Handauflegens auf die Brust und des Handflatterns wieder. Als der Videoscreen verblasst, sinkt sie (inhaltlich begründet) erschöpft zusammen.
Etwas schwierig gestaltet sich für die Zuschauenden die Verfolgung des temporeichen Bühnentreibens, da sich beides nicht gut parallel ansehen lässt. Die Verknüpfung von Tanz mit Video ist schon längstens Thema im Theater. Neu ist jetzt der Versuch, Tanz mit Technologie zu verbinden. Dadurch ergeben sich neue Möglichkeiten. In diesem Falle werden die Bewegungsimpulse live spontan umgesetzt. Allerdings sind Tänzer normalerweise sehr präzise in der Umsetzung der Choreographie. Das bedeutet, dass jede Aufführung zwar geringe Abweichungen aufweist, letztendlich dürften diese aber marginal sein. Ein Mehrwert durch eine Live-Aufführung gegenüber einer Aufzeichnung erschließt sich also nicht unmittelbar. Digitalen Technikfreaks macht das aber allemal Spaß, auch wenn aufgrund des düsteren Themas keine reine Freude aufkommen mag.
Die virtuellen Fantasiewelten von "Delusional World" entführen in ein Schreckensszenario, das jenseits von spielerisch-technischen Impulsen zugleich als Warnung verstanden werden kann, dem zerstörerischen menschlichen Treiben Einhalt zu gebieten.
Für diese Aufführung im tanzhaus nrw zum Auftakt des Festivals "Temps d' Image" gab es beim nachdenklichen Publikum viel Applaus.
Künstler: Lu Yang
Tänzerin / Choreografin: Louise Lecavalier
Produktionsentwicklung: MetaObjects
Technischer Leiter: Andrew Crowe
Kuratorische Beratung: Ashley Lee Wong
Musik: GameFace & Liiii
DJ-Mix / Hell Environment
3D-Design: Extreme John
Motion-Capture-Ausrüstung: MIrevi/HSD.
Gefördert durch das Bündnis Internationaler Produktionshäuser, gefördert durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

