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VON STUTTGART NACH NEAPEL -- Premiere "Station Paradiso" von Sara Glojnaric in der Staatsoper STUTTGART

am 10. Mai 2026

Geschrieben von ALEXANDER WALTHER

Im Fall von "Station Paradiso" von Sara Glojnaric beginnt alles mit einer einfachen Tonkassette - aufgenommen von einer Großmutter, die in Neapel geblieben ist. Es geht um die Busreise von Migranten von Stuttgart nach Neapel. Und diese Aufnahme öffnet einen persönlichen Blick in die vielschichtige Migrationsgeschichte Stuttgarts. Trotz der räumlichen Distanz möchte man irgendwie anwesend bleiben. Alle Figuren tragen bewegende Erfahrungen der Migration in sich. Es ist eine Zerrissenheit zwischen Hier und Dort, die auch in der farbigen und abwechslungsreichen Inszenierung von Anika Rutkofsky zum Vorschein kommt.

© Matthias Baus

"Station Paradiso" richtet den Blick auf Menschen, die nach Deutschland gekommen sind. Oft haben sie das Gefühl, zwischen zwei Orten zu stehen. Im Bühnenbild von Christina Schmitt sieht man einen ganzen Haufen von Tonbändern, die wie Würmer oder sogar Schlangen aussehen und alles zu beherrschen scheinen. Die Kinder der Gastarbeiter wirken noch in den nachfolgenden Generationen nach. Man sieht Schwäne wie in Wagners "Lohengrin", nimmt die Politiker Adenauer und Erhard wahr, die die Wirtschaftswunderzeit repräsentieren. Waschmaschinen verändern den Bühnenraum - und die Kostüme von Adrian Stapf wirken manchmal sogar surrealistisch. 

Neben der Tonkassette waren es Gespräche und Interviews, die mit Menschen der zweiten Generation geführt wurden. Lieder, Songs und Balladen stellt Sara Glojnaric zusammen mit der Librettistin Tanja Sljivar als durchaus einfallsreiche Komponistin in den Mittelpunkt. Dass dabei manchmal bekannte Schlager erklingen, mindert die Wirkung nicht. Immer wieder setzt sich der Bus mit seinen illustren Fahrgästen in Bewegung. Der Geruch von Meer und heimischem Essen ist ständig anwesend. Die Reise folgt von Stuttgart aus entlang der ehemaligen Gastarbeiterroute, über Koratien, Serbien, bis in die Türkei und nach Italien. Neue Figuren steigen in diesen Bus - sie bezahlen statt mit einer Fahrkarte mit ihrem Lieblingssong. Gefühle, Wünsche und Ängste ergänzen sich in berührender Weise. Am Ende kommen glücklicherweise alle an einen gedeckten Tisch. 

Entstanden ist so eine aussagekräftige Mixtape-Oper über Musik als Erinnerung. Sie wird hier für die Komponistin zur Zeitkapsel, die ein ganzes Leben an Erinnerungen und Ritualen beinhaltet. Man sieht eine LP-Hülle, die sich wiederholt bewegt. Popsongs, Volkslieder, Schlager, Arabesken, Disco, Protestlieder und Liebeslieder wechseln sich dabei ab. Der dramaturgische Rahmen dieser Oper folgt einer interessanten Reise entlang der ehemaligen Europastraße 5. Es ist eine Transitroute, die Stuttgart mit Süd- und Südosteuropa verbindet. Was folgt, ist eine Busfahrt durch Zeit, Geografie und innere Landschaften. Das Staatsorchester Stuttgart unter der einfühlsamen Leitung von Peter Rundel führt den Hörer sicher durch die komplizierte Partitur. Der Fahrer ähnelt Charon, dem antiken Fährmann. Er fährt die Passagiere allerdings nicht über den Styx. 

Goran Juric interpretiert seine enorm anspruchsvollen, endlosen Kantilenen stimmlich sehr souverän! Die Passagiere tauschen Lieder statt Fahrkarten, das macht das Leben wirklich einfacher. Sara Glojnaric möchte ein Archiv aufbauen, so wird die persönliche Klanglandschaft von Menschen in zuweilen faszinierender Weise gebündelt. Dies ist ihr gelungen. So kommt es schließlich sogar zu einer beglückenden Hochzeit. Das kann auch Josefin Feiler als Braut in hervorragender Weise verdeutlichen. In weiteren Rollen überzeugen Andrew Bogard als Yugo-Vater, Diana Haller als überragende Yugo-Tochter mit riesigen Intervallen, Joseph Tancredi als Neapolitaner, Matthias Klink als türkischer Vater, Fanie Antonelou als türkische Tochter sowie Stine Marie Fischer als süditalienische Mutter. Ergänzt wird dieser respektable Sängerreigen von Martina Mikelic als süditalienische Tochter, Carole Wilson als singende Tante Mari(j)a sowie Loretta Petti als kochende Tante Mari(j)a. Die Statisterie der Staatsoper Stuttgart verkörpert abwechselnd dann noch die spielende Tante Mari(j)a. 

Das Video von Manuela Hartel und die Choreografie von Janine Grellscheid unterstreichen die fließende Bewegung in dieser Inszenierung von Busfahrten und Stationen zwischen Stuttgart und Neapel, obwohl der dramaturgische Bogen manchmal auch noch konsequenter sein könnte. Insgesamt jedoch ist hier ein stimmungsvolles Reisepanorama entstanden. Neue Erzählstrukturen und Perspektiven für die Oper werden  eröffnet. Auch die mystischen Momente kommen nicht zu kurz. Der glänzende Synthesizerklang besitzt etwas Magisches. 

Die Reaktion des Publikums war eindeutig: Viel Beifall, "Bravo"-Rufe, sogar Jubel.

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