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Unbehaust - „Draußen vor der Tür“ von Wolfgang Borchert im Schauspielhaus Düsseldorf

Februar 2025

Dagmar Kurtz 02.02.2025

Beckmann ist einer von vielen, die aus Krieg und Gefangenschaft zurückkehrten in eine Welt, die nichts mehr mit dem ehemaligen Zuhause zu tun hat, wenn es dieses Zuhause faktisch überhaupt noch gab. Er findet zerstörte, ausgebombte Städte, Wohnungsnot, Hunger, Arbeitslosigkeit, traumatisierte Menschen, Verdränger, Arrangeure, sich schon wieder allzu bequem Eingerichtete, weitestgehend Herzlose vor. Sein kleiner Sohn ist bei einem Bombenangriff umgekommen, bei seiner Frau hat seinen Platz ein anderer eingenommen.

© Thomas Rabsch

Desillusioniert irrt er durch die Stadt, angetrieben von seinem Alter Ego, versucht  einen Platz in der Gesellschaft zu finden.
Als Wolfgang Borcherts Drama "Draußen vor der Tür" 1947 uraufgeführt wurde, konnten sich viele in Beckmann wiederfinden und das Stück erzielte einen ungeheuren Erfolg. Sein persönliches Leiden an der Welt war ein allgemeines. Die angedeutete Frage nach Schuld und Verstrickung wurde jedoch durch die erstarrte, schweigende Gesellschaft weitestgehend verdrängt. Es sollte noch 16 Jahre bis zum Frankfurter Ausschwitz-Prozess dauern, ehe eine Auseinandersetzung und Aufarbeitung begann.In seiner beeindruckenden Inszenierung von "Draußen vor der Tür", die zur Zeit im Schauspielhaus Düsseldorf zu sehen ist, zeigt Adrian Figueroa, dass das Stück mit seinen existenziellen Fragen leider nichts von seiner Aktualität verloren hat.

Das Bühnenbild ist modernistisch, dunkel, kühl und wirkt zeitlos. Die ständigen Verschiebungen der einzelnen Kuben lassen leere Gassen entstehen, wirken expressionistisch, traumhaft verloren, labyrinthartig, spiegeln das Umherirren, das Unbehaustsein und die Isoliertheit des Protagonisten wider. Beeindruckend sind auch die Videosequenzen, die sich über den ganzen Bühnenraum zersplitternd legen und die psychische Verfasstheit Beckmanns zeigen. Auch die Kostüme wirken aus der Zeit gefallen, eklektizistisch und spacig zugleich.

Das einzelne Individuum steht auch nicht für sich, sondern ist als karikaturhafter Typus für einen bestimmten Charakter zu sehen: Der Oberst ist verfressen, feist, verantwortungslos, Frau Kramer eine mitleidslose, ignorante Kriegsgewinnlerin, der Kabarettdirektor ein unkritischer Geschmacksbediener. Allen diesen herzlosen, gewissenlosen Ignoranten scheint nicht beizukommen, was bei Beckmann noch zu weiterer Verbitterung und Verzweiflung führt.

Die Düsseldorfer Inszenierung ist grandios besetzt mit Raphael Gehrmann als Beckmann, der die ganze Verzweiflung spüren lässt, und Sonja Beißwenger als Der Andere. Claudia Hübbecker verleiht der Frau Kramer einen leicht hamburgischen Akzent, mit dem sie von Verlegenheit zu Verlogenheit changiert. Florian Lange überzeugt als selbstgerechter Oberst und Thiemo Schwarz als Kabarettdirektor, der seine Allerweltsweisheiten mit schillernder Kleidung übertüncht.
Ein sehenswerte Inszenierung, die beim Publikum viel Beifall fand.

Besetzung
Beckmann: Raphael Gehrmann
Der Andere: Sonja Beißwenger
Ein Mädchen: Pauline Kästner
Ein Oberst: Florian Lange
Ein Kabarettdirektor: Thiemo Schwarz
Frau Kramer: Claudia Hübbecker
Ein Straßenfeger: Markus Danzeisen

Regie: Adrian Figueroa
Bühne: Irina Schicketanz
Kostüm: Malena Modéer
Musik: Ketan Bhatti
Video: Benjamin Krieg
Mitarbeit Video Elena Tilli
Licht: Konstantin Sonneson
Dramaturgie: David Benjamin Brückel

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Herausgeber des Beitrags: theaterkompass.de

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