Mallarmes Gedicht "L'apres-midi d'un faune" wird hier in betörende Tonbilder umgesetzt. Zauberisch und erregend lässt Debussy das trotz höchster Verfeinerung doch noch zweifelsfrei zu erkennende Vermächtnis Wagners in lyrischen Arabesken verströmen. Und auch in der sensiblen Interpretation des SWR Symphonieorchesters unter der Leitung von Francois-Xavier Roth kamen die flimmernden Umrisslinien mit Klängen von der Magie eines fremdartig-wohllautenden Fluidums voll zum Vorschein. Thomas Mann bezeichnete diese Musik übrigens als "Liederlichkeit mit bestem Gewissen". Wie hinter geheimnisvollen Schleiern schwebte die traumhafte Vision in der Liederhalle auf: Das verliebte Idyll des Fauns mit weich-betörenden Nymphen. Zart deutete selbstverlorenes Flötenspiel auf den Faun mit seinem Liebessehnen. Wie mit warmer Umarmung antworteten die Nymphen in einer sinnlich strömenden Melodie. Sie wanderte von den Holzbläsern zu den Streichern, zerstob in kicherndem Aufschrecken und wich wieder dem sehnsüchtigen Liebesruf des Fauns. Alles war hier in zarte, vielfach gebrochene bukolische Farben der Holzbläser gehüllt und flimmerte in der Glut eines Sommertages und einer müde-erregenden Sinnlichkeit.
Der berühmte Flötist Emmanuel Pahud interpretierte anschließend zusammen mit dem SWR Symphonieorchester unter Roth die vielschichtige Komposition "Saccades" für Flöte und Orchester des französischen Komponisten Philippe Manoury, der unter anderem Karl Kraus' Drama "Die letzten Tage der Menschheit" als Musiktheater vertonte. Bei "Saccades" ist der Einfluss der Klangsprache von Berg, Mahler und Wagner unverkennbar. Suggestive Klangfarben, differenzierte Räumlichkeit, reizvolle Pizzicato-Effekte, Blechbläser-Ausbrüche, Disharmonien und Elemente der Musikinformatik verbanden sich bei deser subtilen Wiedergabe mit den Flatterzungen-Effekten und ausdrucksvollen Kantilenen der Querflöte, die mit den Klangflächen immer mehr zusammenwuchs. So kam es hier wiederholt auch zu eruptiven Ausbrüchen von gewaltigen Dimensionen, die im Gegensatz zum sensiblen Flötenspiel standen und gerade dadurch die akustischen Reize in erheblichem Maße erhöhten. Als Zugabe spielte Emmanuel Pahud dann ein Flöten-Stück von Edgar Varese mit sensibler Betonung der Erweiterung des Klangraums.
Grandioser Höhepunkt dieses besonderen Konzerts war jedoch die gelungene Interpretation des Balletts in drei Teilen "Daphnis et Chloe" von Maurice Ravel mit dem MDR-Rundfunkchor (Choreinstudierung: Katharina Morini) und dem SWR Symphonieorchester unter Francois-Xavier Roth. Die Abschnitte "Nocturne", "Zwischenspiel" und "Kriegstanz" glühten in den schillerndsten Farben. Zauberhafte Klänge setzten sich mit Intensität durch. Impressionistische Farbtönungen beherrschten dann in magischer Weise die duftig-ätherische und plastische Episode des Tagesanbruchs - angefangen vom geheimnnisvollen, nächtlichen Raunen der Frühe über die zarteste Erhellung des Horizonts bis zum Ruf des erwachenden Vogels und zum strahlenden Sonnenaufgang. Der "Pantomime" dient die von Daphnis und Chloe getanzte Liebesszene zwischen Pan und Syrinx zum Vorwand, der Liebe von Daphnis und Chloe Ausdruck zu geben. Die Momente vom ersten scheuen Erwachen bis zu seliger Liebesverzückung wurden vom Orchester unter Roth sehr impulsiv und temperamentvoll herausgearbeitet. Im Bacchanal als dem großen Finale aller Tänzer tobte sich unglaubliche Ekstase dann in überwältigend-explosiver Weise aus! Vielfältig verschlangen sich dabei die Motive und die wiederum spanisch getönten Rhythmen. Die Durchsichtigkeit blieb trotz der flirrenden Fülle erhalten. Mit kühlen, unbestechlichen Strichen setzten sich die Melodien durch. Roth gelang es sehr überzeugend, die klare Gliederung dieser Partitur trotz der wenigen Grundmotive zu betonen. So triumphierte dieses Liebespaar der antiken Schäferpoesie in unnachahmlicher Weise.
Jubel des Publikums!

