Diese "erste deutsche Nationaloper" wird in der Handlung und den Sprechtexten in der subtilen Regie von Max Porstmann neu erzählt. Die berühmten Melodien Webers bleiben in Arrangements aber erhalten. In der Regie von Max Porstmann werden die Figuren von Kaspar und Samiel durch den "Soldaten mit dem Stelzfuß" ersetzt, einer Figur aus dem "Gespensterbuch" aus dem Jahre 1810, auf der der "Freischütz" basiert. In den Videoaufnahmen zerschmelzen dann die Zinnsoldaten. Der Soldat bringt Max dazu, sich auf den Pakt einzulassen. Dieser begibt sich immer tiefer in eine von Angst und Schuld geprägte Welt. Man erlebt hier Agathe und ihre Cousine Ännchen als Nachfahrinnen von Max. Die Bühne von Glen Hawkins ist in dichtes Grün getaucht, Holzstäbe fallen immer wieder in gespenstischer Weise zusammen.
Die Ahnen spuken! Während Agathe, Ännchen sowie ihr Neffe im Wohnzimmer beim Besuch ihrer Großeltern von düsteren Ahnungen gequält werden, dringt Max' düstere Vergangenheit sowie die von Gewalt geprägte Außenwelt immer stärker in ihre Gegenwart ein. Das zeigt sich auch anhand der Kostüme von Amelie Hager und Klara Siegel (Hochschule Hannover). Die Inszenierung verändert dieses Stück um eine Geschichte über Waffen, Krieg, Vererbung und Gewalt. Der Reiz des Schießens wird psychologisch untersucht und steht im Mittelpunkt. Selbst ein Kind greift zur Waffe. Vor allem die unheimliche Wolfsschluchtszene nimmt breiten Raum ein. Porstmann schaut als Regissuer genau hin.
Webers im Jahre 1821 uraufgeführte Oper thematisiert die Nachwirkungen des Dreißigjährigen Krieges und die Probleme einer traumatisierten Geellschaft. Genau dieser Aspekt sticht in der Inszenierung überzeugend hervor. Es wird nach dem gesucht, was uns heute quält. Nicht nur der Jäger Max wird in die Wolfsschlucht geschickt, sondern gleich das ganze Dorf! In den bürgerlichen Wohnzimmern fallen die Gemälde der Urahnen von den Wänden. Die berühmten Melodien der "ersten deutschen Nationaloper" werden neu arrangiert und mit dokumentarischem Material verbunden.
Der erste Teil der Inszenierung orientiert sich näher an der Musik Webers und dem Libretto Kinds und stellt die Figuren Agathe, Ännchen und Max in den Mittelpunkt. Die Sprechtexte aus dem Libretto wurden dafür mit Partien aus dem "Gespensterbuch" verwoben. Der zweite Teil untersucht intensiv verschiedene Gewalterfahrungen und -geschichten, welchen wir schon im Kindesalter ausgesetzt sind. Das Material hierfür wurde mit dem Schauspielensemble entwickelt. In der musikalischen Bearbeitung und den Kompositionen von Clemens David Krauß erklingen dann auch große Intervalle, atonale Klänge und harmonische Verschiebungen. Musikalisch kommt es zu einer lobenswerten Umsetzung. Als ausdrucksstarke Gesangssolisten brillieren Robin Neck als Max, Lena Reineke als Agathe ("Wie nahte mir der Schlummer") sowie Sophie Lauerer als Ännchen. Die chrakteristischen Grundfarben dieser Musik blitzen hervor. Die höchsten Lagen der Holzbläser und die gestopften Horntöne werden genüsslich ausgekostet. Motivwiederholungen und Zitate erreichen eine unheimliche Intensität.
Das Kammerorchester der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst musiziert unter der inspirierenden Leitung von Alexander Schmid sehr einfühlsam. Die Wiedergabe der von Wagner und Pfitzner gelobten Ouvertüre ist konzentrierte Naturschilderung. Aus zartem Pianissimo erheben sich die gefühlvollen Akkorde der Hörner. Ein düsteres Tremolo und ein dumpfes Pochen der Pauke lassen die friedvolle Stimmung der Abenddämmerung im Wald verschwinden. In dunkler Gewitterschwüle setzt dann das leidenschaftlich bewegte Allegro ein. Nach der wilden Erregung ertönt ein Hornruf, über dem Tremolo der Streicher hebt verklärt die Klarinette an. Sehr gut wird hier herausgearbeitet, wie sich unruhige und angstvolle Elemente hervordrängen! Im Durchführungsteil dominieren die dunklen Gewalten, die zarte Melodie des zweiten Themas wagt sich vor. Seufzer erheben sich aus den Geigen, die Wendung in den Celli lässt Ruhe folgen. Und im jubelnden Schlusshymnus endet die Musik.
In weiteren Rollen gefallen Lasse Lehmann als Soldat mit Stelzfuß, Kloma Palmen als Kind. Und aus dem Ensemble der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg fesseln Lena Karius, Arne Kerst, Selina Schoeneberger und Levi Tounkara. Es ist eine sehenswerte Produktion, die nie langweilt und auch zum Nachdenken anregt. Das Lied vom Jungfernkranz und der Jägerchor werden mit Elementen der Unterhaltungsmusik geschmückt. Riesenapplaus, "Bravo"-Rufe!


