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KARNEVAL DER IDENTITÄTEN -- "La Cenerentola" von Gioachino Rossini in der Staatsoper STUTTGART

am 20.05.2026

Geschrieben von ALEXANDER WALTHER

Frisch und unverbraucht wirkt diese Inszenierung von Andrea Moses (Bühne: Susanne Gschwender; Kostüme: Werner Pick). Vor allem der Humor kommt nicht zu kurz. Es ist ein Karneval der Identitäten, bei dem jeder einmal in die Rolle des anderen schlüpft.

Don Ramiro erscheint als Alleinerbe eines nicht näher bestimmten Besitztums, der laut Testament heiraten muss, weil ihm sonst die Führungsposition seines Vaters verweigert wird. Alidoro hat als Berater des Prinzen diese Hochzeit schon vorbereitet. Die Begegnung mit der entsprechenden Kandidatin soll im Hause des Weinliebhabers Don Magnifico stattfinden. Neben den eifersüchtigen Schwestern Clorinda und Tisbe ist es Angelina (genannt "Aschenputtel"), die den Prinzen schließlich heiratet. Und die hartherzigen Schwestern müssen sich für ihr Verhalten gegenüber Angelina entschuldigen. 

Dazwischen gibt es hier ein rasantes Verwirrspiel, in dem Angelina sogar auf einem riesigen Roulettetisch als Braut angeboten wird. Und ein Aufsichtsrat soll über das weitere Vorgehen entscheiden, was auf der Bühne überaus witzig gelöst wird. Hubschrauber schwirren umher, es gibt  ein gewaltiges Gewitter und am Schluss regnet es Konfetti. Don Ramiro schlüpft in die Rolle des bescheidenen jungen Mannes Dandini. In einer frivolen Sitzung des Aufsichtsrats kommt es sogar zum schamlosen Spiel mit "Playboy-Häschen". Und Alidoros Plan geht auf: Don Magnifico und seine beiden Töchter versagen auf der ganzen Linie. Die garstigen Schwestern gleichen der Baroness Aspasia und Donna Fulvia, dem snobistischen und unfreundlichen Paar aus "La pietra del paragone". 

Die erste Unterbrechung der Ballade durch die Schwestern und deren schrilles bedrängendes Rufen von Cenerentolas Namen kommt in der Aufführung mit dem Staatsorchester Stuttgart unter der feinnervigen Leitung von Levente Török sehr gut zum Vorschein. Catriona Smith als Clorinda und das Duo Maria Theresa Ullrich (spielend) und Alexandra Urquiola (singend) als Tisbe liefern als boshafte Schwestern ein komödiantisches Feuerwerk ab. Itzeli del Rosario als Angelina setzt sich mit samtigem Contralto und glanzvollen Koloraturen gegen die keifenden Schwestern durch. Und als Don Ramiro mit seinem Diener Dandini die Kleider tauscht, steigert sich auch das Tempo dieser Aufführung noch einmal ganz erheblich. Wie brillant Rossini hier sinnloses Plappern und sinkende Tonfolgen benutzt, um Cenerentolas verwirrten Geisteszustand darzustellen, macht die Interpretation ebenfalls ausgezeichnet deutlich. Ein Höhepunkt ist ferner das Quintett "Signor, una parola" in C-Dur, in dem Cenerentolas Stiefvater Don Magnifico ihre Bitte abzuweisen versucht, eine Stunde auf dem Ball des Prinzen verbringen zu dürfen. Giulio Mastrototaro als Don Magnifico bietet  mit sonorem Bass ein fesselndes Charakterporträt. Und Charles Sy als Prinz Don Ramiro agiert mit schlankem Tenor und strahlkräftiger Leuchtkraft. 

Manchmal herrscht ein härterer Ton als in Mozarts "Figaros Hochzeit" vor. Beim Erscheinen von Ramiros Hauslehrer Alidoro erklingt ein kühnes Es-Dur. Dann versuchen die Protagonisten herauszufinden, wer nun wen hintergeht. Und da treibt Andrea Moses die satirischen Facetten dieser Handlung auf die Spitze. Eine Stretta in C-Dur markiert diese Situation treffsicher und wird vom Staatsorchester Stuttgart unter Levente Török auch hervorragend betont. Die Kavatine Don Magnificos beschreibt ferner einen kuriosen Traum, in dem einem Esel Flügel wachsen, der schließlich auf der Kirchturmspitze landet. Deutlich wird außerdem, dass Magnificos wirkliches Problem Ramiros Diener Dandini ist. Als Dandini schließlich enthüllt, wer er wirklich ist, gipfelt dies wiederum in einer atemlosen Stretta im Sechsachteltakt, bei der Magnifico "Di quest' ingiuria, di quest' affronto" singt. Der Reiz der Commedia dell'arte schimmert hier trotz des relativ modernen Bühnenbildes immer wieder durch. Das könnte gelegentlich sogar noch schärfer zum Ausdruck kommen. Dandini ist undurchsichtig und hält deshalb die Fäden in der Hand, weil sich der arme Magnifico wegen seinen garstigen Töchtern in ein Delirium hineinsteigert. 

In weiteren Rollen gefallen Alessio Arduini als verschlagener Diener Dandini, Jasper Leever als Erzieher und Philosoph Alidoro und die famosen Herren des Staatsopernchores Stuttgart als grotesker Aufsichtsrat. Die Buffo-Laune explodiert! Das komische Pathos triumphiert. Im Finale des ersten Aktes ist es Dandini, der die Charaktere wieder lebendig werden lässt und die weitere Handlung zusammenhält. Das Verschwörungsduett "Zitto, zitto, piano, piano" klingt hier herrlich verwegen. Cenerentolas Eintritt in das große Sextett des zweiten Aktes "Siete voi?" überzeugt einmal mehr mit überwältigender Gestaltungskraft. Die Geste der Vergebung wirkt hier berührend. 

Großer Jubel!   

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